Kaum ein Tag ohne Todesmeldung von den Skipisten. Kaum ein Tag ohne Jubelmeldung von den WM-Orten. Ereignisse, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Doch eine Zusammenschau ergibt manchmal Sinn. Die Welt wird schneller, härter, spaßiger, die Getränke, die Musik, die Pisten, der Erfolg. In schlechten Zeiten steigt der Rechtfertigungsdruck, dem Sportler und Verbände gegenüber Sponsoren und Fernsehquoten ausgesetzt sind, überproportional an. Kleine Anbieter wie Basketball- oder Hockey-Verband müssen geradezu Purzelbäume schlagen, um ein paar Cents von Sponsoren oder ein paar Zeilen in der Zeitung aufzutreiben. Die Hockey-Herren-Nationalmannschaft war Europameister und vorher Dritter der Hallen-WM.
Eine reine Amateurtruppe setzte sich in einem Weltverband durch, der 72 Nationen unter seinem Dach beherbergt. TV-Präsenz? Aber nicht doch. Die heimischen Nationalballesterer (Nr.61 im Fifa-Ranking) oder die nordischen Kombinierer, die gerade einmal zwölf Gegner zusammenbringen, werden auf- und abgeorgelt.
Aber wer ist noch so naiv, Medienecho nach Erfolgen im internationalen Wettbewerb zu bemessen? Zeit und Platz in Massenmedien ist ein Wirtschaftsgut und wird nach Geschäftsaussichten vergeben. Wintersport ist in Österreich weltberühmt, daher ein begehrter Rohstoff. Seine Verarbeitung verspricht im Winter die höchsten Gewinnmargen. Die affektive Bindung zum Publikum ist seit vielen Jahren fest geknüpft und kritischen Argumenten nicht zugänglich, also krisensicher. Weltmeister sind Weltmeister, selbst wenn die Welt im Skifahren, Skispringen oder in der nordischen Kombination nur eine Handvoll Nationen umfasst. Mittelerde aus Schnee sozusagen. Die Szene ist wie ein geschütztes Gewerbe organisiert. Apotheker verkaufen Wärmepasten, Skisportler Herzenswärmer.
Die prästabilisierte Harmonie des Winters (und des Fußballsports) darf nicht gefährdet werden. Das bringt uns zurück zur katastrophalen Entwicklung im Skisport der Rennläufer und der Freizeitwedler. Die eisenharten Pisten, die Raserei und die Eigenart der Skier, die Sicherheit vorgaukeln, aber beim geringsten Fehler buchstäblich zum Todeskatapult werden, ergeben einen mörderischen Mix. Keine Chance, die Risikogaude zu ändern oder gar zu verbieten. Der Pistenspaß ist Österreichs Leitkultur, und Leitkultur ist sakrosankt.
Der ehemalige ÖSV-Abfahrtstrainer und FIS-Renndirektor Kurt Hoch arbeitet als gerichtlich beeideter Sachverständiger für Skiunfälle. Seiner Meinung nach ist die überwiegende Anzahl der Skiunfälle auf zu hohe Geschwindigkeit und den „Tunnelblick“ zurückzuführen. Fährt jemand über seine Verhältnisse, verengt sich die Welt auf eine Röhre. Links und rechts wird die Welt samt Gefahrenquellen ausgeblendet. Klingt plausibel. Klingt wie eine Beschreibung für die Beziehung des Landes mit dem geliebten Wintersport. Die Leitkultur wird, wenn sie so weitermacht, keine andere Kultur brauchen, um einen Crash hinzulegen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2011)















