Menschenrechte für Chimären und Kampfroboter?

Europas Bioethik-Kommissionen lehnen vermenschlichte Affen ab. Bei vermenschlichten Waffen ist die Debatte noch nicht so weit.

Wenn man Mäusen ein Gen einbaut, das bei Menschen mit der Sprachfähigkeit zu tun hat, fiepsen sie anders; und wenn man Embryos von Enten („ducks“) und Wachteln („quails“) Zellen der je anderen Art in den Schnabel spritzt, wachsen Enten Wachtelschnäbel („duails“) und umgekehrt („qucks“). Das sind die jüngsten Mitglieder im Bestiarium der Mischwesen („Chimären“), die schon die Mythen der Antike bevölkerten, von den Zentauren bis zu Pegasus, dem geflügelten Pferd. Manche waren bedrohlich, manche hilfreich, die Sphinx stellte gar Rätsel. Aber ihr Status war klar: Sie waren Mächte der Natur, mit denen der Mensch konfrontiert wurde.

Bei den Mäusen mit der neuen Stimme und den qucks und duails und zahllosen anderen Chimären in den Labors ist das anders, die hat der Mensch erschaffen, in hehrer Absicht, sie sollen der Forschung dienen, etwa der an Alterskrankheiten des Gehirns. Dazu macht man etwa Mäuse partiell zu Menschen – man baut Gene oder Zellen von uns in ihre Hirne –, im Gedankenexperiment wurde auch schon vorgeschlagen, das ganze Mäusehirn zu vermenschlichen. Das ginge wohl nicht, Mäuseschädel sind zu klein für die Komplexität der Menschen, aber es gibt ja größere und enger verwandte Tiere: Menschenaffen.

Soll man ihnen unsere Hirne einbauen, zumindest partiell? Nein, mahnen quer durch Europa die Ethikkommissionen, diese Grenze dürfe nicht fallen. So urteilten die Briten im Juli, auf ihre pragmatische Art: Chimären mit „menschenähnlichem Aussehen oder Verhalten“ wären unerträglich; diese Woche folgten die Deutschen, sie taten es nicht unter Kant und Hans Jonas und der eingehenden Prüfung der „ontologisch relevanten Merkmale von transgenen Tieren mit menschlichen Genen“.

Aber der Befund war eindeutig: Die Würde des Menschen und, abgestuft, die des Tieres, würde durch vermenschlichte Affen verletzt.

An dieser Front herrscht also Ruhe, vorerst. An der anderen hingegen, der echten, schert sich kein Teufel um Ethik, man ist schließlich im Krieg. Und der wird zunehmend von Robotern geführt, vor allem von „Drohnen“. 250-mal haben die der USA in Pakistan schon zugeschlagen, in Libyen waren sie auch, dort boten sie Präsident Obama das Argument, die USA seien gar nicht im Krieg, nur ihre Roboter seien es. Ja, was ist denn der ontologische Status einer Drohne? Auch sie ist eine Chimäre: Zwar hat sie keine Gene/Zellen von uns, aber unsere Vernunft hat sie, oder zumindest Computerprogramme, die funktionieren wie sie. Und anders als vermenschlichte Affen sind die vermenschlichten Waffen schon da. Haben sie Würde, haben sie Menschenrechte? Hier denkt nur die US Air Force vor: Sie fordert die gleichen Selbstverteidigungsrechte, wie sie Kampfpiloten haben, auch für die Drohnen.

 

juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2011)

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