Von mir aus genieren, aber nur nicht verlieren

19.02.2012 | 18:21 |  WOLFGANG WIEDERSTEIN (Die Presse)

Teamchef Marcel Koller bekam beim Wiener Derby rein gar nichts zu sehen. Die Statistik entlarvt Rapid als harmlosen Titelkandidaten.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Österreichs Teamchef Marcel Koller ist hoffnungsfroh in den Wiener Prater gekommen, desillusioniert hat er das 300. Fußball-Derby dann verlassen. Aus dem Wiener Schlagerspiel ist nur die Karikatur eines Spitzenduells geworden, das Jubiläum versank in der selbst produzierten Langeweile. Die Zuschauer trauten phasenweise ihren Augen nicht, sie mussten einen Nichtangriffspakt verfolgen, dabei streben die beiden Erzrivalen angeblich den Fußballmeistertitel an. Einen Titel gewinnt man allerdings nicht, wenn man eine Taktik nur danach ausrichtet, ein Spiel nicht zu verlieren. Einen Titel gewinnt man nur, wenn man auf Sieg spielt. Und sich nicht nur auf den Zufall verlässt.

Rapid ist mittlerweile seit elf Runden ungeschlagen, diese Bilanz liest sich auf den Blick großartig, sie wird der Konkurrenz auch Respekt abringen. Aber wie das bei Bilanzen halt so ist, lohnt sich ein zweiter Blick. Von diesen elf Runden haben die Hütteldorfer gleich siebenmal nicht gewonnen – also nur ein Unentschieden erreicht. Fast grimmig die Ausbeute aus den vergangenen fünf Spielen – viermal lautete da das Resultat 0:0. „Da gehen einem als Trainer auch die Argumente aus“, sagt Peter Schöttel.

Der ehemalige Abwehrchef von Rapid hat Stabilität in die Mannschaft gebracht. Grün-Weiß, das muss man neidlos anerkennen, ist in der Meisterschaft schwer zu schlagen. „Niemand spielt gern gegen uns“, behauptet Schöttel. Rein sportlich gesehen sind die Hütteldorfer ein Angstgegner geworden.

Aber attraktiven Fußball bieten sie selten. Das hat auch mit dem System zu tun, das der Trainer praktizieren lässt. Es ist von Vorsicht geprägt, die Abwehr, die nicht gerade hochkarätig besetzt ist, ist auch kein Bollwerk. Darum muss das Mittelfeld mithelfen, hinten die Löcher zu stopfen. Das geht zulasten der Offensive, die sich im Derby nur erahnen ließ. Erst als Rapid die Zeit davonzulaufen drohte, wechselte Trainer Schöttel weitere Angreifer ein. Aber zu diesem Zeitpunkt war das 0:0 bereits in den Köpfen der Spieler fest verankert.

Rapid erklärte sich die schwache Derby-Leistung mit der destruktiven Spielart der Austria. Trainer und Spieler konnten auch kein Verständnis dafür aufbringen, dass die Fans auf das Jubiläumsspiel pfiffen. „Es ist kurios, dass wir uns für die Tabellenführung rechtfertigen müssen. Das geht uns seit Wochen so.“

Vornehm zurückgehalten hat sich die Austria, sie rührte eigentlich nur Beton an. Offenbar ganz nach dem Geschmack von Ivica Vastić. „Im Grund bin ich mit der Leistung und dem Punkt sehr zufrieden. Die Partie war taktisch defensiv orientiert. Wir haben gewusst, dass Rapid im Konter Stärken hat, deshalb wollten wir ihnen keine Räume bieten.“ In der Statistik geht Violett als Sieger hervor, weil die Austria vier Derbys ungeschlagen und im Happel-Stadion gegen Rapid weiter seit 2001 ohne Niederlage ist.

 

E-Mail: wolfgang.wiederstein@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

  • Wer ermordete Oppositionsführer Boris Nemzow?
    Der Kreml sieht "ausländische Mächte" hinter dem Attentat auf den Aktivisten. Doch für die Opposition heißt der Verantwortliche Putin.
    Zehn verlorene Jahre
    2005 galt Österreich als ökonomisches Vorbild für Deutschland. Fehlende Reformen machten den Vorsprung aber zunichte.
    Andrä Rupprechter: "Für mich war Südtirol nie Ausland"
    Er sei ein Fan von Papst Franziskus und wie dieser gegen eine zügellose Wirtschaft, sagt Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter. Ein Gespräch über Gott, die Welt und die ÖVP.
    Wenn die Arbeit zur Sucht wird
    Überstunden ohne Ende, ständige Erreichbarkeit, keine Freizeit: Krankhaftes Arbeiten wird oft unterschätzt. In Österreich ist jeder neunte Beschäftigte gefährdet. Die "Presse am Sonntag" hat drei Arbeitssüchtige getroffen.
    Gabriel Lansky: Advocatus Diaboli
    Im Fall Alijew ermittelt der Staatsanwalt gegen Gabriel Lansky. Wieso macht sich ein anerkannter Menschenrechtsanwalt mit dem kasachischen Regime gemein?
    Josef Hader: "Brenner ist brüchig wie nie zuvor"
    Josef Hader erklärt der »Presse«, warum er nicht richtig berühmt ist, warum Roland Düringer ihn für altklug hält und welche Politiker der Brenner wählen würde.
AnmeldenAnmelden