Wo sind die Notizen über die besten Hörspiele?

24.02.2012 | 18:53 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Vor dem Funkhaus sollte man Respekt haben. Dort tummeln sich jene feinen Leute, die noch konzentriert zuhören können.

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Diese Falle habe ich zu spät erkannt. Jetzt schnappt sie zu. Der sonst so besonnene Leiter der Redaktion „Literatur, Hörspiel und Feature“ bei Ö1 fragte mich direkt, ob ich nicht eine kleine Rede im Funkhaus halten wolle, zum Kritikerpreis für das beste Hörspiel des Jahres. Jetzt ist es Freitag nach eins, ich habe meine rote Krawatte in Meidling vergessen, seit Stunden suche ich nach geistvollen, ermunternden Sätzen, aber sie verstecken sich noch, obwohl bereits ein Taxi zum ORF bestellt ist.

Woher kommt diese Blockade? Sie rührt nicht vom Schreiben. Das bin ich gewohnt, ich lebe davon, und vor allem meine Leserinnen sind langmütig, die besten, die man sich wünschen kann. Mache ich einen Fehler, war ich zu frech, bekomme ich höfliche Anrufe oder mahnende Mails, die Sache ist am nächsten Tag vergessen, aber vor dem Funkhaus wird mir vor Ehrfurcht bang. Ich muss an Platon denken. Der hat sich, wenn ich mir das aus dem Phaidros richtig notierte, vor 2375 Jahren darüber beklagt, dass die Schrift die Menschen verderbe. Seit Texte diktiert und aufgezeichnet würden, verlören die Hörer ihr Gedächtnis für Dichtung. Er hatte recht. Kaum ein Grieche konnte damals noch fehlerlos Ilias, Odyssee und die giftigen Verse des Archilochos von Paros rezitieren. Wahrscheinlich flüsterte Platon einem gelehrigen Knaben ins Ohr, was ihm Jahrzehnte früher Sokrates vorgesungen hatte. Aber irgendein elender Skribent hat dann solche Dialoge aufgezeichnet, damit sie in alten Fächern verstauben und garantiert vergessen werden. Totes Pergament!

Jetzt aber muss ich bald nicht für Leser schreiben, sondern vor die feinste Klientel von Ö1 treten, vor jene Platoniker, die sich mindestens jeden Samstag Zeit für ein Hörspiel nehmen und das auch noch nach Jahren zitieren können. Gerüchte besagen, dass wahre Entscheidungsträger jene sind, die konzentriert zuhören können. Die sitzen jetzt alle im Funkhaus, eine Elite, die sich nicht um Quoten schert. Sie haben die Hände frei. Wie kritzelig nimmt sich im Vergleich ein simpler Lohnschreiber aus. Zeitungsleute haben eine dunkle Seite. Die zeigen sie ausnahmslos beim Betreten einer Bühne. Stotternd geben sie kynische Sätze von sich, die kein Ende finden. Der Printjournalist ist einer jener Barbaren, vor denen die echten Griechen immer schon gewarnt haben. Wahrscheinlich stammt er aus Kleinasien oder hat sogar eine schriftkundige Urgroßmutter aus Ungarn.

Hoffentlich habe ich mir gemerkt, wer diesmal den Hörspielpreis gewonnen hat. Den Zettel, auf dem das notiert ist, habe ich nämlich verlegt. Zur Ablenkung höre ich mir jetzt noch etwas Klassisches an. Kein Hörspiel, sondern einen Vortrag: Eine beruhigende Stimme sagt: s„Der wahre Redner ist ein vollkommener Psychologe und Philooph, weil er die Seele der Zuhörer und die Gegenstände der Rede vollständig kennen muss.“ Das sollte ich mir bis am Abend merken.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)

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