Super Tuesday mit Mark Twain, Henry James und Patricia Cornwell

Wer weiß schon, was in Idaho los ist? Oder in North Dakota? Und wo genau liegt der Bundesstaat Vermont? Eine literarische Fahrt ins Blaue am Tag der zehn Vorwahlen in den USA.

 

Der Tag, an dem heuer die Republikaner in zehn US-Bundesstaaten preisgeben, wen sie als nächsten Präsidenten in Washington haben möchten, kann auch kulturell eine Herausforderung sein. Wie oft fährt man schon nach North Dakota oder Oklahoma? Vielleicht ist es weniger ermüdend, in der Literatur nachzuschlagen, wie Amerikaner dort ticken.

Leicht ist es, über Idaho zu schreiben. Hemingway verbrachte dort den Lebensabend – eine ideale Gegend, um zu jagen, zu fischen und sich 1961 eine Kugel in den Kopf zu schießen. Geschrieben hat Ernest über die geliebten Berge dort wenig. In Ketchum ist ein Epitaph von ihm in Stein gemeißelt: „...and above the hills / The high blue windless skies...“

Mark Twain sah den Wilden Westen ein Zeitalter zuvor weniger romantisch. „The Gilded Age“ (1873), das er mit Charles D. Warner schrieb, spielt vor allem in Tennessee – eine Satire über Gier und Korruption, in öder Gegend. Noch einsamer ist North Dakota im Norden. Dort wuchs Louise Erdrich auf, in Wahpeton. Sie schreibt vor allem über das Indianerland ihrer Vorfahren. „Love Medicine“ (1984) handelt von Familien, die im Reservat der Ojibwa (oder Chippewa) leben. Ihr Großvater war ein Häuptling dieses Stammes. Für diesen inzwischen klassischen Text, den ersten Band einer Tetralogie, bekam Erdrich den „National Book Critics Circle Award“.

Geht es entlegener? Alaska! James A. Michener hat es 1988 im gleichnamigen Bestseller verewigt, er führt die Leser von Urzeiten bis zu Eisenhower. Wer näher an die Gegenwart heran will, ohne Sarah Palin begegnen zu müssen, sollte „Flight of the Goose“ (2005) von Lesley Thomas in Betracht ziehen. Sie schreibt über Probleme am Polarkreis in den Siebzigerjahren, die heute noch aktuell sind.

Über Ohio als Fluchtpunkt aus dem Süden kann man sich sogar von einer Nobelpreisträgerin bilden lassen. Toni Morrisons Trilogie mit den Bänden „Beloved“ (1987), „Jazz“ (1992) und „Paradise“ (1997) porträtiert afroamerikanische Milieus und führt von der Zeit des Bürgerkriegs fast bis ins Heute, nach Oklahoma.

Noch mehr Süden gibt es in William Faulkners Georgia. Sein erster Roman, „Soldiers Pay“ (1926), handelt in einer Kleinstadt, ein Pilot aus dem Weltkrieg ist sein Protagonist. Tom Wolfes Wälzer „A Man in Full“ (1998) hingegen karikiert die Upper Class in Atlanta – Immobilienhaie, Hasardeure, seltsame Celebrities. Es drohen auch Rassenunruhen, eine ganz gewöhnliche Stadt in den USA also, die in ihrer Brutalität doch auch noch an Margaret Mitchells „Gone with the Wind“ (1936) erinnert.

Was hat Virginia zu bieten? So nah an der Hauptstadt Washington sind Thriller zu empfehlen: Die erbarmungslosen Romane der harten Patricia Cornwell sind dort angesiedelt, mit ihrer Heldin, der Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta. In „Trace“ (2004) begegnet man in Richmond sogar Edgar Allan Poe, dem berühmtesten Sohn der Stadt, aber nicht als Dichter, sondern als Verbrecher.

Zur Erholung geht es schließlich nach New England, nach Vermont, wo man sich bei Donna Tartts „The Secret History“ (1992) gruseln kann, im nur oberflächlich höflichen akademischen Umfeld. Und dann nach Massachusetts. Was für ein Landstrich für die Literatur! Herman Melvilles „Moby Dick“ (1851) beginnt hier an der Küste in New Bedford, John Updike beschreibt dieses Land in allen Facetten in seinem Prosawerk. „Couples“ (1968) ist hier fiktiv angesetzt, so wie „The Bostonians“ (1886) von Henry James. Ein politisches Buch. Auf diesen Bundesstaat sollte man heute besonders achten. Er ist zumindest literarisch der Star am Super-Dienstag.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2012)

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