London ist anders: Wie Brennpunktschulen plötzlich Erfolge schreiben

29.04.2012 | 18:22 |  HEIDI SCHRODT (Die Presse)

So manche Schule in den Londoner Problembezirken wird dank neuer Leitlinien derzeit zur Vorzeigeschule. Auch die heimische Bildungspolitik könnte davon lernen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

 

Wenn am 3.Mai in London der Bürgermeister neu gewählt wird, werden es auch Fragen der Bildung sein, die über Erfolg oder Misserfolg der Kandidaten entscheiden. Seit Wochen sind die Schulen in den Schlagzeilen der Tageszeitungen und kommen in den Reden der Spitzenkandidaten vor.

Wer die Situation der Londoner Schulen verstehen will, muss London verstehen. London ist anders, könnte man in Abwandlung eines bekannten Slogans für Wien sagen. London ist ein anderes Land, gar ein „Stadtstaat“, meinte zuletzt ein Zeitungskommentator. Tatsächlich gilt London vielfach als die internationalste Stadt weltweit. 300 Sprachen werden gesprochen und 35 Prozent der Londoner sind nicht in London geboren. Zwei Drittel der Babys haben zumindest einen Elternteil ausländischer Herkunft. 48Prozent der Londoner sind „non-white“, also fast die Hälfte. Internationalität hat in London eine lange Tradition und ist im Empire und Commonwealth begründet. Das im Zentrum gelegene „International Students House“ etwa ist Ausdruck dessen: In den 1950ern für Studenten aus dem Commonwealth gegründet, beherbergt es heute Studenten aus 101 verschiedenen Herkunftsländern. Hier ist man stolz auf diese Vielfalt, die anderswo, in klassischen Zuwanderervierteln, viele Probleme mit sich bringt. Während in diesen Vierteln oft die Armutsgefährdung eklatant hoch ist, ist London insgesamt viel wohlhabender als der Rest des Landes und wurde vor Kurzem von der EU gar als die reichste Region Europas ausgewiesen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich erahnen, dass die Herausforderungen an das Schulwesen gewaltig sind. Die wohlhabende Schicht sowie die aufsteigende Mittelklasse tendieren immer mehr zu Privatschulen und werden durch die Reformen der konservativen Regierung dabei unterstützt. Hierbei handelt es sich weniger um sogenannte elitäre Public Schools, deren Schüleranteil sich konstant bei etwa sieben Prozent der Schülerpopulation bewegt, sondern um die neu geschaffenen Free Schools und Academies, öffentliche Schulen in privater Trägerschaft, die direkt dem Unterrichtsministerium unterstellt sind.


Mehr als hundert Jahre lang waren die Schulen regional organisiert, jetzt scheint der Trend zur Zentralisierung bei zugleich großer Autonomie nicht mehr aufzuhalten zu sein – wenngleich umstritten. Auch Schulen in sozial problematischen Bezirken schließen sich an. Viele dieser Brennpunktschulen sind in erbärmlichem Zustand und vom Zusperren bedroht. Banden bekriegen einander vor dem Schultor, vor einigen Jahren wurde bei einer Auseinandersetzung sogar ein Direktor erstochen. Die Leistungen sind oft verheerend schlecht, ein hoher Prozentsatz verlässt die Schulen ohne Abschluss, die Lehrerschaft ist demotiviert. Doch gibt es immer häufiger auch hier Erfolgsgeschichten, die Mut machen.

Die Bethnal-Green-Academy in Tower Hamlets in Ostlondon etwa, dem zweitärmsten Bezirk ganz Englands, war noch vor acht Jahren in unbeschreiblich schlechtem Zustand. Eine neue Leitung samt einem erneuerten Lehrerteam hat die Schule so erfolgreich „umgedreht“, dass sie inzwischen als Vorzeigeschule gilt und sogar von Prince Charles besucht wurde. Die Leitprinzipien: Disziplin, höchste Anforderungen an Leistung bei zugleich größter Zuwendung zu jedem einzelnen Kind. Der Unterricht ist ganz auf individuelle Förderung ausgerichtet. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Die Resultate bei den zentralen Abschlussprüfungen gehören zu den besten in ganz England; heuer schaffte es erstmals ein Absolvent an die Elite-Uni Cambridge.

Wien ist anders, ganz gewiss. Doch ein Blick nach London würde sich allemal lohnen.


E-Mails an: bildung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare
Gast: Luzifer
30.04.2012 11:19
4

Natürlich sind die Kinder in einer Metropole frühreifer

und werden durch die vielfältigen Reize der Großstadt auch geistig früher angeregt. Trotzdem sind die geschilderten Beispiele nur Lichtblicke in einem offenbar in sehr erbärmlichen Zustand befindlichen Londoner Schulwesen. Interessant wäre auch gewesen zu erfahren, was diese "Lichtblicke" den Steuerzahler zusätzlich gekostet haben ...

Ich möchte aber diese Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, was unsere Regelschulen am flachen Land, näml. die Hauptschulen, für die Bildung der österr. Bevölkerung beigetragen haben. In den 70-er Jahren wurden zahlreiche Gymnasien in den Bezirksstädten neu eröffnet. Wegen der immer noch zu geringen Dichte konnte man damit nicht alle Schüler am flachen Land erfassen. Diese Lücken haben unsere Hauptschulen mit großem Erfolg geschlossen. Sie boten einerseits den angehenden Facharbeitern eine sehr gute Basis für die weitere Ausbildung, andererseits konnten viele Schüler ohne Schwierigkeiten nach der HS in die Oberstufe der Gymnasien wechseln. Dieses System hat sich bei uns sehr bewährt und mit dazu beigetragen, daß das flache Land - nach der Schließung der einklassigen VS - geistig nicht völlig austrocknet.

Wir sollten also unser Licht pkto Schulwesen nicht unter den Scheffel stellen. Gegenüber dem anglikanischen Bildungssystem - die paar Eliteschulen ausgenommen - können wir uns trotz allem Reformgeschreis (die auf den maßlos überschätzen Pisa-Studien basiert) können wir uns durchaus sehen lassen!

Top-News

AnmeldenAnmelden