Die neue Verkehrsregel der EU: Solidarität ist keine Einbahnstraße

15.05.2012 | 18:21 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Der finnische Kommissar Olli Rehn mahnt von Athen Pflichten ein. Das ist gut so. Allerdings sollte man jetzt beachten, ob seine Rede auch gediegen ins Griechische übersetzt wird.

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Der EU-Kommissar Olli Rehn hat soeben mitten in den wildesten griechischen Turbulenzen ein Wort zur Verteidigung des Euro verwendet, das früher viel glanzvoller schien: „Solidarität ist keine Einbahnstraße“, sagte der finnische Politiker der Zentrumspartei, der zwar nicht für den Verkehr, aber immerhin für die europäische Wirtschaft und Währung zuständig ist. „Ohne eine Verpflichtung Griechenlands wird der Solidarpakt nicht funktionieren.“

Professor Rehn muss es wissen, immerhin hat er in Oxford Ökonomie studiert. Der Titel seiner Doktorarbeit lautet „Corporatism and Industrial Competitiveness in Small European States.“ Über den Korporativismus, der eine Gemeinschaft als Organismus betrachtet, hat schon Papst Leo XIII. nachdenken lassen, auf der Suche nach dem drittem Weg zwischen Klassenkampf und ungezügeltem Kapitalismus. Die Ergebnisse kann man in Rerum novarum (1891) nachlesen, der Mutter aller Sozial-Enzykliken. Die Kleinstaaterei hingegen ist leider völlig in Verruf geraten, seit sich ein Teil von Europa über Kommission und Rat als Union definiert, als wäre sie bereits ein großes Ganzes.

Aber heute, wenn es um die griechische Sackstraße geht, wollen wir lieber über Solidarität nachdenken, ein Fremdwort, das herrlich klang, als man es im vorigen Jahrhundert noch als Solidarnośc oder solidaridad aussprach. Es leitet sich nicht aus dem lasziv-spekulativen Griechischen, sondern aus dem sittlich-strengen Lateinischen ab. Das Adjektiv solidusbedeutet gediegen, echt oder fest. Solidarisch ist, wer fest zusammenhält in der Verteidigung gemeinsamer Werte. Einer für alle, alle für einen. Im römischen Recht bedeutete Solidarität eine besondere Form der Haftung.

Der Solidus an sich war eine Goldmünze, die von Kaiser Konstantin eingeführt wurde. Sie löste den seit Augustus im Römischen Reich üblichen Aureus ab, weil der seit dem dritten Jahrhundert massiv an Wert und Feingehalt verloren hatte. Geprägt wurde der Aureus Solidus in Trier, er blieb auch lange stabil. Der Wertverfall setzte ein, als Griechen diese Einheitswährung manipulierten. Bereits unter den Komnenen konnte man nicht mehr übersehen, dass Byzanz langsam verkam. Mit Ostrom war der Westen Europas damals allerdings nicht besonders solidarisch. Konstantinopel bedeutete für die Kreuzritter, ehe es von den Osmanen feindlich übernommen wurde, nur eine Zwischenstation fürs Plündern auf der Einbahnstraße in die Levante.

So herzlos sollte das Abendland, das seither verschiedene Formen der Nächstenliebe predigte, nicht mehr sein. Solidarisch sind nicht mehr nur Familien, Clans und Staaten, sondern ganze Klassen. Die Arbeiter zum Beispiel, wenn sie die Internationale singen. Gibt es aber auch einen griechischen Ausdruck fürs große Ganze? Am ehesten passt das Wort oìkumene.Es meint die gesamte (von Griechen) bewohnte Erde. Lauter Panhellenen.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2012)

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