Ben Bernanke ist ein kluger Mann, studierte „summa cum laude“ in Harvard, unterrichtete jahrelang in Princeton. Außerdem beherrscht der US-amerikanische Zentralbankchef die Kunst des Twist-Tanzes wie kaum ein anderer. Und fliegen kann er auch noch.
Sie glauben das nicht? Nun ja, Bernankes Spitzname ist „Helikopter Ben“, sagte er doch einst, er werde notfalls Dollarnoten aus einem Hubschrauber abwerfen – um sicherzustellen, dass die USA niemals in eine Deflation schlitterten. Und Twist tanzen? Kann der Notenbanker seit 2011, zumindest sprichwörtlich. Damals erweckte seine Zentralbank Fed die sogenannte „Operation Twist“ zum Leben. Davon spricht man, wenn eine Notenbank gekaufte Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit durch solche mit längerer Laufzeit ersetzt.
Klingt kompliziert? Ist es auch. Nichtsdestotrotz ringen solche Strategien echten Notenbankexperten bloß ein müdes Lächeln ab. Schließlich gibt es noch genug andere komplexe geldpolitische Möglichkeiten für die Zentralbanken dieser Welt. Die klassische Leitzinssenkung ist von gestern. Die Gegenwart heißt „Quantitative Easing“ und „Long-Term Refinancing Operations“.
Ersteres praktizierte die Fed seit 2008 bereits zweimal. Dabei wirft sie die Druckerpresse an, indem sie „faule“ Hypotheken oder amerikanische Staatsanleihen in großem Stil aufkauft. Die Bilanzsumme der Federal Reserve ist so auf drei Billionen Dollar angewachsen. Damit nicht genug: Am Donnerstag deutete Bernanke an, dass eine dritte Runde folgen könnte. Der Weltwirtschaft drohten nämlich „Abwärtsrisken“, wie es in der Sprache der Notenbanker heißt. Deshalb stehe die Fed bereit, um gegebenenfalls „Maßnahmen zu ergreifen“.
Bei so viel Kreativität darf Mario Draghi nicht nachstehen. Was für Bernanke „Quantitative Easing“, sind für den EZB-Chef die „Long-Term Refinancing Operations“. Dabei borgt die EZB, vereinfacht ausgedrückt, den Geschäftsbanken unbegrenzt Geld zu einem ziemlich guten Zinssatz von zuletzt einem Prozent. Ebenfalls zwei Runden absolvierte die EZB bereits, pumpte so eine Billion Euro in die Märkte. Eine dritte Runde könnte folgen, zwar nicht sofort, aber in naher Zukunft. Sie wissen schon: „Abwärtsrisken“ und so. Auch die EZB steht bereit, um „Maßnahmen zu ergreifen“.
Man kann den Bankern an den Schalthebeln der Macht keinesfalls vorwerfen, auf der faulen Haut zu liegen. Von einem Mangel an Kreativität erst gar nicht zu sprechen. Und trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deswegen: Die Eurokrise konnten sie bislang nicht lösen. Im Gegenteil: Die Gefahr, dass die Gemeinschaftswährung, und mit ihr die Weltwirtschaft, den Bach runtergeht, ist mehr als zwei Jahre seit Beginn des Dramas größer denn je.
Dabei betonten die Notenbanker doch stets, wie wichtig es sei, „Zeit zu kaufen“, damit die Politik die Lage in den Griff bekommen kann. Doch wie viel Zeit braucht die Eurozone noch? Selbst Draghi gibt mittlerweile zu, dass die Notenbank „nicht alle Probleme lösen kann“. Irgendwann ist es für die Gelddrucker an der Zeit, sich zurückzuziehen. „There is only so much we can do“, würde der Amerikaner sagen, und auch Bernanke sollte zuhören. Denn eines ist klar: Je mehr Zeit die Notenbanker kaufen, desto teurer wird es. Ewig Zeit zu kaufen, das wird es nicht spielen. Irgendwann wird die Rechnung zu bezahlen sein.
Bernanke und Draghi sollten sich das zu Herzen nehmen, einmal eine Pause einlegen, vielleicht sogar im echten Leben Flugstunden nehmen oder einen Tanzkurs besuchen. Am Zug sind nun die Politiker, nicht mehr die Notenbanker.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)















