Auf Fußball ist eben Verlass. Pünktlich leert auch diese EM alle Amtsstuben und Büros der teilnehmenden Länder, um die Gastgärten mit Kurzzeit-Fans zu füllen. Nur die Finanzmärkte, die Welt der kühlen Rechner, sollten auch im Fußball-Fieber hocheffizient funktionieren – möchte man meinen. Doch weit gefehlt: Auch Börsenhändler werden vom runden Leder abgelenkt – und lassen während der Spiele gern alles andere links liegen.
Das behaupten zumindest die EZB-Ökonomen Michael Ehrmann und David-Jan Jansen. Sie haben während der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 die nationalen Börsen von 15 Teilnehmerländern genauer unter die Lupe genommen und die Handelsaktivitäten mit dem Spielplan verglichen. Das Ergebnis: Wann immer das Nationalteam eines Landes auf dem Rasen war, brach der Aktienhandel an der jeweiligen Börse um fast die Hälfte ein. In südamerikanischen Ländern legten die Trader ihre Arbeit fast komplett nieder. Im Fußballrausch koppelten sich die nationalen Börsen deutlich von den Weltmärkten ab.
Aktienhändler schauen also lieber Fußball, statt sich um das Geld ihrer Kunden zu kümmern. Auch für Torjubel muss da Zeit bleiben: Nach jedem Treffer erlahmten die Aktivitäten an der Börse um weitere fünf Prozent. Nachrichtenagenturen wie Bloomberg oder Reuters könnten in dieser Zeit ruhig ein wenig leiser treten. Die Broker reagieren ohnedies deutlich langsamer als sonst. Der ideale Zeitpunkt also für Firmen, die still und heimlich unangenehme Nachrichten überbringen wollen. Heimische Unternehmen sind wieder einmal im Nachteil: Sie müssen ihre Hiobsbotschaften zurückhalten, bis sich Österreichs Fußballer für ein Großereignis qualifizieren.
Diesmal ist ohnedies alles anders als bei der WM, mögen aufmerksame Zeitgenossen jetzt einwerfen: Schließlich finden die Spiele bei der EM erst nach Börsenschluss statt. Aber börsenotierte Firmen sind nicht die einzigen, die das Ablenkungsmanöver Fußball gern nutzen. Auch Parteistrategen wissen genau, welche Meldungen sie lieber an Tagen verstecken, an denen die Nation an Fußball-Euphorie laboriert. Etwa am 16. Juni 2008, als Österreich gegen Deutschland vergebens um den Verbleib bei der Heim-EM spielte. Genau zu dem Zeitpunkt sägte die SPÖ Alfred Gusenbauer von der Parteispitze ab und installierte den späteren Kanzler Werner Faymann.
Dass es auch schlimmer kommen kann, zeigte sich zwei Monate später. Während die ganze Welt auf die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Peking schaute, marschierte Russland in Georgien ein.
Nun ist noch 16 Tage Fußball-EM. Es wäre doch gelacht, wenn Europas Politiker diese Zeit nicht zu nützen wüssten. Machen Sie sich also darauf gefasst, mit dem Duell „Gomez gegen Ronaldo“ ins Bett zu gehen und mit ESM, Eurobonds und einem EU-Finanzminister aufzuwachen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2012)















