Sexuelle Revolution Marke Franziskus

Der Papst vollzieht eine deutliche Kehrtwende in Fragen der Moraltheologie.

Nein, die katholische Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe wird natürlich nicht aufgeweicht. Papst Franziskus sieht sich ja von Beginn an unter Progressivismus-, Kommunismus- oder Modernismus-Generalverdacht einer eher weltfremden oder zumindest ängstlichen Bremser-Fraktion im Vatikan (Überraschung! Die gibt es doch tatsächlich!). Ausdrücklich und wörtlich weist er in dem am Freitag Schlag 12 Uhr von Kardinal Christoph Schönborn im Vatikan veröffentlichten Papier darauf hin, dass Scheidung ein Übel darstellt, und dass an der Unauflöslichkeit der Ehe natürlich nicht gerüttelt wird. Aber ja, das mehr als 300 Seiten starke Lehrschreiben des Papstes, mit dem er offiziell seine Schlüsse aus der im Herbst zu Ende gegangenen Familien-Synode zieht, kann dennoch ohne Übertreibung als Wendepunkt in der Moraltheologie gesehen werden. Alleine der Titel ist programmatisch und einladend: Amoris laetitia, Freude der Liebe.

An Deutlichkeit lässt es Franziskus nicht fehlen, wenn er seine Bischöfe, Priester und Seelsorger vor „kalter Schreibtisch-Moral“ warnt. Und davor, die Barmherzigkeit mit einer Vielzahl von Bedingungen auszuhöhlen. Der Papst wörtlich: Dies sei „die übelste Weise", das Evangelium zu verwässern. Gleichzeitig betont er die Bedeutung des Gewissens, das die Kirche zwar bilden, nicht aber ersetzen dürfe. Selten war der lange Atem des Zweiten Vatikanischen Konzils spürbarer. Nun dürfen auch quasi mit päpstlichem Einverständnis Priester weiter tun, was sie verbotenerweise seit längerem praktizieren: Nach Einzelfallprüfung Kommunion auch an jene zu spenden, wie zivilrechtlich wieder geheiratet haben.

Die katholische Kirche ist also geneigt, sich aus den Schlafzimmern ihrer Gläubigen zu verabschieden - und auch insgesamt von einer Linie der Kasuistik oder des Rigorismus. Sie verliert durch das jüngste Schreiben des Papstes nicht an Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil. Gut möglich, dass sie an Relevanz gewinnt – auch bei Positionen, die ziemlich quer zum Mainstream stehen.

E-Mails an dietmar.neuwirth@diepresse.com

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