Wohin man auch schaut: Lauter Flüchtlingskinder

In der Geschichte waren große Fluchtbewegungen in Europa der Normalfall. Abzulesen auch an den Familiengeschichten von A. Khol und A. Van der Bellen.

Ein eigenwilliger junger Mann muss Herbert K. gewesen sein. Aber die Umstände machten es ihm schwer. Er gehörte einer unterdrückten Minderheit an – den deutschsprachigen Südtirolern in Italien. In Herberts Schulzeit standen die Zeichen auf Eskalation. Er musste die Schule abbrechen, seinen Abschluss im Ausland machen, noch einmal trieb ihn das Heimweh nach Hause, doch dann drohte eine Gefahr, der Herbert unbedingt entrinnen wollte: der Einberufungsbefehl in die Armee.

Für ein Regime, das er ablehnte, im fernen Abessinien kämpfen? Nein. „Für Mussolini sterben wir nicht“, hieß es in der Familie K., wie neulich hier in der „Presse“ zu lesen war. Also desertierte Herbert. Lief davon über die Grenze, nach Deutschland, immer weiter, bis übers Meer, zur Ostseeinsel Rügen. Herbert K. hatte Glück. Er lernte eine Frau kennen, sie bekamen ein Baby. Ein Flüchtlingskind, geboren fern der Heimat, mitten im Weltkrieg. Heute ist dieses Flüchtlingskind ein Bundespräsidentschaftskandidat.

Alexander V. muss ebenfalls ein Mann mit Eigensinn gewesen sein, und einem wachen Gespür. Die Fremdheitserfahrung hatte er wohl von seinem Vater geerbt, der sich als holländischer Kaufmann in Russland niedergelassen hatte. Gerade noch rechtzeitig war dieser der bolschewistischen Revolution samt Enteignung und Terror entkommen, indem er über die Grenze ins benachbarte Estland floh. Alexander muss die Wachsamkeit von klein auf mitgekriegt haben.

Als er erwachsen war, erwischte das Vertriebenenschicksal dann auch ihn. Die Sowjets marschierten im Juni 1940 in Estland ein, Alexander V. floh an der Seite seiner estnischen Frau ins Deutsche Reich, wo sie in einem Flüchtlingslager lebten. Als die Rote Armee schon wieder näherrückte, flohen sie weiter nach Westen, ins Tiroler Kaunertal, wo 1944 ihr Baby geboren wurde. Noch ein Flüchtlingskind, geboren fern der Heimat, mitten im Weltkrieg. Auch der ist heute Bundespräsidentschaftskandidat.

Zwei zufällige österreichische Familiengeschichten sind das. Hoffentlich werden sie im kommenden Wahlkampf zur Sprache kommen, wenn die aktuelle Flüchtlingskrise Thema ist. Denn sie erinnern uns daran, dass die Flüchtlinge mitten unter uns sind – und schon immer mitten unter uns waren, in so gut wie jeder Generation.

Die Völkerkarawanen, die den Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie begleiteten; die ethnischen Säuberungen, die mit der Errichtung der Nationalstaaten einhergingen; die Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden; die Millionen „displaced people“, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs halb verhungert durch Europa irrten; Zwangsumsiedlungen ganzer Völkerschaften innerhalb der Sowjetunion; die Niederschlagung politischer Aufstände und die Fluchtwellen über den Eisernen Vorhang hinweg; die Balkankriege.

Das alles hat sich in die DNA Europas eingeschrieben. Es ist alles noch da. Mädchen, die vor 20 Jahren verschreckt an den Händen ihrer Eltern aus Bosnien herkamen, sind heute Lehrerinnen und erkennen sich in jenen syrischen Kindern wieder, die da plötzlich neu in ihren Klassen sitzen.

Auch heute desertieren junge Männer aus Armeen, die nicht die ihren sind („Für Assad sterben wir nicht“). Und die schiitische Minderheit der Hazara, der die meisten afghanischen Flüchtlinge in Österreich angehören, erlebt heute Ähnliches wie viele verfolgte europäische Minderheiten vor ihnen. Es braucht schon ziemlich viel Anstrengung, um solche offensichtlichen Kontinuitäten nicht wiedererkennen zu wollen.

Ein treuer Leserbriefschreiber rügte unlängst meine Kolumnen zur Flüchtlingskrise. Er als Sudetendeutscher müsse in den aktuellen Ereignissen doch viele seiner persönlichen Erfahrungen wiedererkennen, merkte ich an.

Seine Antwort war entrüstet: Er sei doch kein Flüchtling, sondern ein Heimatvertriebener! Das sei etwas völlig anderes! Nein, das ist es nicht.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2016)

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