Die große Hitze scheint gebrochen. Beschwerden, auch politischer Art, bleiben. Es gibt leider kein Sommerloch mehr, warum sich also ärgern? Über die Tatsache, dass es den ganzen Sommer über nur eine verkrüppelte U1 geben wird? Dass die Radionachrichten immer mehr zum Sprachrohr der heimischen Sozialdemokratie verkommen, verbrämt mit grünen Einsprengseln? Oder – welch makabre Idee! – die Wahl einer „Miss Holocaust-Überlebenden“, in Israel nach dem Motto „Zwischen Schönheit und Erinnerung“ veranstaltet und dort heftig umstritten?
Nein, verlassen wir die Politik. Befassen wir uns mit Kultur. In Deutschland wird sehr zum Kummer der Bildungsbürger immer weniger Wert auf das gelegt, was man unter „Schreibschrift“ versteht. Ich bin ein Bildungsbürger und, wie ich immer wieder festgestellt habe, stolz darauf. Ich halte mich (ist dies hochmütig?) für halbwegs gebildet und fühle mich als Bürger, als Citoyen. Ich glaube deswegen, dass jene recht haben, die es für einen enormen, fast für den totalen Kulturverlust halten, wenn die deutsche Schreibschrift durch die sogenannte Grundschrift ersetzt werden soll. Schreibschrift: Die haben wir alle in der Schule gelernt. Grundschrift: Die lehnt sich an die Druckschrift an, „bei der die Buchstaben einzeln stehen, aber auch verbunden werden können“.
Der deutsche Grundschulverband will die Grundschrift. Aber man muss nicht Mitglied des deutschen „Vereins für Sprachpflege e.V.“ sein, um dem Titel seines Magazins „Deutsche Sprachwelt“ zuzustimmen: „Die Schreibschrift verteidigen – Tausende Bürger setzen sich für die Erhaltung dieses Kulturgutes ein“. Ich auch. Denn Geschriebenes ist tatsächlich ein Kulturgut. Aber wer schreibt noch? Der Brief ist, wenn es gut geht, durch E-Mail ersetzt worden, aber schon da hapert es mit der Herzlichkeit. „lg“ las ich neulich vor dem Namen der Absenderin. Liebe Grüße. Aber immerhin: Es hieß wenigstens nicht „mfg“.
Ist auch die offenbar um sich greifende Ablehnung der Schreibschrift, dieses Ausdrucks eines „flüssigen“ Stils, Beweis einer „linken“ Reideologisierung? Dann wäre sie doch auch in Österreich unter Führung von Claudia Schmied verstärkt bemerkbar. Aber bei uns ist es, scheint's, noch nicht so weit. Noch sind manche Unterschriften lesbar. Noch ist die abgrundtief dumme Begründung für die Grundschrift, dass sie die frühe Bildung der verteufelten Eliten verhindere, nicht populär.
Noch werden, wenngleich nur gelegentlich, Briefe mit der Hand geschrieben. Vor vielen Jahren zeigte mir ein alter Freund (er ist längst tot) seine kostbare Briefsammlung, alles Originale, von Schnitzler über Gerhart Hauptmann bis Hofmannsthal, zierlich geschrieben, früher sagte man: wie gestochen. Gewiss, das war einmal. Briefliteratur gibt es nicht mehr. Auch Tagebücher sind, wie ich glaube, außer Mode. Widmungen in Büchern werden demnächst, wenn überhaupt, nur mehr Buchstabe für Buchstabe geschrieben. Auch sich etwas zu notieren ist völlig unüblich geworden. Die Elektronik hat dafür gesorgt.
„Ja, das Schreiben und das Lesen ist nie mein Fach gewesen“, singt Zsupàn im (pardon!) „Zigeunerbaron“. Wie lange kann man noch lesen? Aber dafür ist schon heute vorgesorgt. Internationale Logos ersetzen die Schrift. Leider auch für Bildungsbürger – irgendwann einmal. Und wir werden uns nicht wehren können.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)















