21.05.2013 08:18 Merkliste 0

Das Schreiben, das Lesen, und warum Zsupàn gewinnen könnte

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

In Deutschland wird der Ersatz der Schreibschrift durch die Grundschrift diskutiert. Geht ein Großteil des Kulturguts verloren?

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Die große Hitze scheint gebrochen. Beschwerden, auch politischer Art, bleiben. Es gibt leider kein Sommerloch mehr, warum sich also ärgern? Über die Tatsache, dass es den ganzen Sommer über nur eine verkrüppelte U1 geben wird? Dass die Radionachrichten immer mehr zum Sprachrohr der heimischen Sozialdemokratie verkommen, verbrämt mit grünen Einsprengseln? Oder – welch makabre Idee! – die Wahl einer „Miss Holocaust-Überlebenden“, in Israel nach dem Motto „Zwischen Schönheit und Erinnerung“ veranstaltet und dort heftig umstritten?

Nein, verlassen wir die Politik. Befassen wir uns mit Kultur. In Deutschland wird sehr zum Kummer der Bildungsbürger immer weniger Wert auf das gelegt, was man unter „Schreibschrift“ versteht. Ich bin ein Bildungsbürger und, wie ich immer wieder festgestellt habe, stolz darauf. Ich halte mich (ist dies hochmütig?) für halbwegs gebildet und fühle mich als Bürger, als Citoyen. Ich glaube deswegen, dass jene recht haben, die es für einen enormen, fast für den totalen Kulturverlust halten, wenn die deutsche Schreibschrift durch die sogenannte Grundschrift ersetzt werden soll. Schreibschrift: Die haben wir alle in der Schule gelernt. Grundschrift: Die lehnt sich an die Druckschrift an, „bei der die Buchstaben einzeln stehen, aber auch verbunden werden können“.


Der deutsche Grundschulverband will die Grundschrift. Aber man muss nicht Mitglied des deutschen „Vereins für Sprachpflege e.V.“ sein, um dem Titel seines Magazins „Deutsche Sprachwelt“ zuzustimmen: „Die Schreibschrift verteidigen – Tausende Bürger setzen sich für die Erhaltung dieses Kulturgutes ein“. Ich auch. Denn Geschriebenes ist tatsächlich ein Kulturgut. Aber wer schreibt noch? Der Brief ist, wenn es gut geht, durch E-Mail ersetzt worden, aber schon da hapert es mit der Herzlichkeit. „lg“ las ich neulich vor dem Namen der Absenderin. Liebe Grüße. Aber immerhin: Es hieß wenigstens nicht „mfg“.

Ist auch die offenbar um sich greifende Ablehnung der Schreibschrift, dieses Ausdrucks eines „flüssigen“ Stils, Beweis einer „linken“ Reideologisierung? Dann wäre sie doch auch in Österreich unter Führung von Claudia Schmied verstärkt bemerkbar. Aber bei uns ist es, scheint's, noch nicht so weit. Noch sind manche Unterschriften lesbar. Noch ist die abgrundtief dumme Begründung für die Grundschrift, dass sie die frühe Bildung der verteufelten Eliten verhindere, nicht populär.

Noch werden, wenngleich nur gelegentlich, Briefe mit der Hand geschrieben. Vor vielen Jahren zeigte mir ein alter Freund (er ist längst tot) seine kostbare Briefsammlung, alles Originale, von Schnitzler über Gerhart Hauptmann bis Hofmannsthal, zierlich geschrieben, früher sagte man: wie gestochen. Gewiss, das war einmal. Briefliteratur gibt es nicht mehr. Auch Tagebücher sind, wie ich glaube, außer Mode. Widmungen in Büchern werden demnächst, wenn überhaupt, nur mehr Buchstabe für Buchstabe geschrieben. Auch sich etwas zu notieren ist völlig unüblich geworden. Die Elektronik hat dafür gesorgt.

„Ja, das Schreiben und das Lesen ist nie mein Fach gewesen“, singt Zsupàn im (pardon!) „Zigeunerbaron“. Wie lange kann man noch lesen? Aber dafür ist schon heute vorgesorgt. Internationale Logos ersetzen die Schrift. Leider auch für Bildungsbürger – irgendwann einmal. Und wir werden uns nicht wehren können.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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12 Kommentare
Gast: Lämpel
23.07.2012 12:24
1 0

Österr. Schulschrift 1969 und 1995

Also zumindest was die Großbuchstaben betrifft, ist das doch längst vollzogen:

http://www.bmukk.gv.at/medienpool/15139/1994_56_beilage2.pdf

http://www.bmukk.gv.at/medienpool/15141/1994_56_beilage4.pdf

Gast: guy fawkesII
21.07.2012 12:23
0 0

im ernst

für die langsamen unter uns:
geht es hier wirklich darum, dass man besser in schreibschrift als in grundschrift schreiben sollte (definitionen laut wiki um wirklich idiotensicher zu sein). wirklich?

bitte, irgendwer soll mir erklären warum das relevant ist. ich lass mich gern belehren wenn da irgendwas vernünftiges dahintersteht, allein ich kanns nicht sehen.

Ein selbsternannter Bürger, der nie was anderes war...

...als ein halbgebildeter Kleinbürger, wie viele Jahrgänge der PRESSE schlagend beweisen, pudelt sich auf und schreibt schon im Titel Zsupán falsch!

Gast: Gerne nur Gast
18.07.2012 20:53
0 3

Grundsätzliches:


Zu den üblichen Kritiken an Chorherr weiter unten:

Es geht um die Idee, dass man Sprache nicht mehr als aus Worten (und deren Bedeutungen!) bestehend begreift, sondern als beliebige Ansammlung von Buchstaben, die einmal so, einmal so ausfallen kann, und dabei auch einmal Worte bildet.
Das heißt in aller Konsequenz, dass man Sprache nicht mehr als Feld der Begriffe (begreifen=verstehen!!) auffasst, sondern als Puzzlespiel, mit dem ich halt auch ein paar "Grundworte" formen kann.
Ein Buchstabe allein hat keinen Sinn, er ist sinnfrei! Worte haben aber sehr wohl Sinn und Bedeutung! Erst ab diesem Punkt findet Sprache überhaupt statt.
Habt ihr Kritiker das jetzt auch begriffen?!

Das als einen Verlust, als einen Irrtum, ja mehr noch als Idiotie zu brandmarken, ist doch mehr als berechtigt!

Re: Grundsätzliches:

aaaa ha!

Hitzenostalgien

Genau mit demselben Argument "Kulturverlust" hat man vor ein paar Jahrzehnten die Abschaffung der Fraktur sowie der Kurrentschrift betrauert.

Aber welche Argumente kann der gebildete Citoyen Chefredakteur im Ruhestand sonst noch für die Beibehaltung der Schreibschrift anführen? Dass man heute meist am Computer schreibt und nicht mehr von Hand, hat nichts mit der Schreibschrift zu tun. Und "wie gestochen" kann ich auch in Grundschrift schreiben; entscheidend für diesen optischen Eindruck ist eher die Wahl des Schreibwerkzeugs.

Und was soll schließlich das Gejammere, heute seien noch "einige Unterschriften lesbar"? Sind unlesbare Unterschriften denn ungültig? Und sind fein säuberlich gemalte Unterschriften nicht eher Zeichen von mangelnder Schreibpraxis?

Antworten Gast: Gerne nur Gast
18.07.2012 20:56
1 4

Nein, Irrtum!


Ganz falsch:

Die unterschiedliche Darstellung Frakturschrift versus nennen wir sie "Glattschrift" hat nichts mit der neuen Krankidee zu tun, Sprache als Buchstabenansammlung zu definieren und nicht als Gemenge aus sinntragenden Worten.
Ist das bei ihnen angekommen?!!!

Re: Nein, Irrtum!

Woher haben Sie die barocke Information, dass in der neuen Schrift keine Wörter mehr unterschieden, sondern nur noch Buchstaben aneinandergereiht werden sollen?

Ob ich ein Wort in Fraktur, in Druckbuchstaben oder in Stenographie schreibe - es bleibt immer ein Wort, es sieht einfach anders aus. Von den umliegenden Wörtern wird es durch Leerraum abgetrennt, so wie das schon seit einiger Zeit üblich ist.

Übrigens: Nur die ältesten Griechen und Römer des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr., von denen wir ja unser Alphabet haben, haben noch keine Worttrennung gekannt, sondern wirklich nur die Buchstaben aneinandergereiht. Aber auch diese Texte kann man mit ein wenig Übung lesen.

Antworten Antworten Antworten Gast: Gerne nur Gast
19.07.2012 10:16
0 7

Darf es war sein,


dass sie mich so missverstehen und richtiggehend "hirnrissig" kritisieren?
Glauben sie im Ernst, ich gehe davon aus, dass die neuen "Reforemer" eine Schriftsprache ohne Abständen zwischen den Worten wollen? Das ist ja blnker Unsinn.
Sie wollen aber, das das WORT als erste SINNEINHEIT der Sprache seinen Platz und seine Bedeutung verlíert. So entsteht eine neue "Deppensprache", in der Syntax, Grammatik und Orthografie nicht mehr relevant sind, nicht mehr Standard sind - vergelichbar mit der Idee, eine Schule ohne Noten zu betreiben.


Re: Darf es war sein,

war oder nicht war,
Sie haben ja geradezu überhaupt nichts verstanden.

Re: Hitzenostalgien

Kleiner Nachtrag:
Beklagen könnte der nostalgisch gesinnte Österreicher viel eher, dass man in Cisleithanien offensichtlich auch unter Gebildeten die richtige Schreibweise ungarischer Namen nicht mehr beherrscht: Der Schweinehirt heißt "Zsupán", mit einem accent aigu auf dem "a", nicht einem accent grave; letzterer wird im Ungarischen gar nicht verwendet, jaj!

7 1

Verfehlte Nostalgie

Würden wir auf Schrifttechniken als Kulturgut bestehen, dann würden wir alle noch in Keilschrift arbeiten. Eine Handschrift hat leserlich zu sein, wenn die Grundschrift das eher leisten kann als die Schreibschrift, dann bitte.

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