Endlich, endlich: Wir haben wieder eine Causa prima. Fast eine internationale, keine mit der Punze „Made in Austria“. Die Krise, die ich meine, ist auch keine finanzielle. Und auch Syrien ist nicht gemeint oder das Klima. Aber alle Medien sind voll davon, die gedruckten zumal. Auch Qualitätszeitungen sind nicht ausgenommen, sie berichten seitenweise. Von der Beschneidung ist die Rede. Ein deutsches Gerichtsurteil war die Ursache.
Ein Sommerthema? Ein menschliches. Eines, das, wenn man in die Gesellschaft hineinhört, diese mehr zu betreffen scheint als jedes andere politische, ja weltpolitische Problem. Kaum ist die Parkpickerldebatte vorerst ruhiggestellt, geht es um den „Kastrationskomplex mit neuem Dreh“ – so der Titel eines Kommentars, den die Philosophin Andrea Roedig im „Standard“ publiziert hat. Man kann das Thema auch weniger kompliziert, aber verständlicher ausdrücken. Man soll, schrieb Henryk M. Broder in der „Welt“, „der Natur nicht mehr als unbedingt nötig ins Handwerk pfuschen, Mais nicht gentechnisch manipulieren, pränatale Eingriffe vermeiden und allen Penissen die gleichen Chancen geben“.
Dass die Vorhaut plötzlich zum idealen Sommerthema wurde, hat viele Gründe. Man kann – und jetzt spreche ich als Journalist – sehr vieles darin unterbringen. Ein gerüttelt Maß an Politik, nehmt alles nur in allem: die Sorge vor Islamophobie, Antisemitismus, falscher Ideologie – die ja überall im Vormarsch ist. Und natürlich auch etliches an jenen Glaubensfragen, die heutzutage immer wieder zum Nachdenken anregen: Ist der Atheismus die Zukunft?
Natürlich ist auch ein Hauch von Feminismus im Spiel. Es fällt auf, dass viele diesbezügliche Artikel, Berichte und Kommentare von Frauen geschrieben wurden und werden. Sind wir einer neuen Nuance der Gender Gap auf der Spur? Wird dem Sexismus abgeschworen, oder präsentiert sich da eine neue Version? Sogar die Brücke zur heimischen Parteipolitik ist leicht zu schlagen. Der ÖVP-Landeshauptmann Vorarlbergs empfahl den Ärzten einen Beschneidungsstopp. Darf er das – wo doch seine Partei in Kärnten ganz andere Sorgen hat?
Und natürlich gibt die Vorhautdebatte auch Gelegenheit, sich schriftlich und auch mündlich am Rande der Pornografie zu bewegen. Wir können schreiben, was wir in dieser Deftigkeit früher nicht gewagt hätten: „Lassen wir Jesus am Kreuz und die Entscheidung, ob die Vorhaut wegkommt oder nicht, den Familien“, las ich in der „Presse“ in einem Leserbrief von Efgani Dönmez, grünem Mitglied des Bundesrats. Und unverblümt zum Thema Boulevardjournalismus: „Die ficken ja auch unseren Intellekt täglich.“
Ich habe nicht verstanden, was er meint. Ich verstehe aber, dass der bereits zitierte „Standard“ dem Beschneidungsthema unverzüglich – jedem das Seine – eines über den Missbrauch in der Kirche an die Seite stellt und daneben einen Bericht über eine Plakataktion in der Diözese St.Pölten: „Missbrauchsfälle, Priestermangel, ungehorsames Personal. Die katholische Kirche trägt schwer am eigenen Kreuz.“ Deshalb soll eine Plakatserie „im Stil von Hollywood-Blockbustern“ das angekratzte Image aufpolieren.
Ich bitte Medienkritiker, den Zeitungsleuten die umfangreiche Berichterstattung über die Vorhaut nicht übel zu nehmen. Sie passt, wie gesagt, ins Sommerloch. So wie der Kommentar Ariel Muzicants, der sie mit der Shoah vergleicht. Mit dem Holocaust.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)















