Salzburg macht mir Angst. Oder sagen wir es milder: Es macht mir Sorgen. Salzburg reißt auf, was mich schon lange geschmerzt hat – eine Wunde. Ich meine nicht die Altstadtsperre für Kraftfahrzeuge. Ich meine nicht den gelegentlichen Schnürlregen. Ich meine die Festspiele – oder das, was ich als Fernsehteilnehmer von ihnen miterlebt habe, miterleben durfte, miterleben musste. Ist es unfair, wieder einmal in Erinnerungen zu graben? Ist es ungehörig zu sagen, dass früher alles – nein, nicht alles, sondern vieles, nun, sagen wir: anders war?
Ich fürchte mich vor dem angekündigten neuen „Jedermann“. Ich fürchte mich, dass auch er so wie vieles in der Festspielstadt dem Regietheater anheimfallen wird. Ich fürchte, dass sich in die Tischgesellschaft uniformierte SS-Leute mischen werden, und dass der Gute Gesell ein Sturmbannführer ist. Ein entsprechendes Konzept wäre ja leicht zu entwerfen.
Ich habe gute Gründe, mich zu fürchten. Nein, man soll den gestandenen Kulturjournalisten und Rezensenten als einfacher Konsument des Dargebotenen nicht ins Handwerk pfuschen. Wilhelm Sinkovicz, Norbert Mayer und Konsorten werden mir verzeihen. Aber seit ich Papageno am Steuer eines Lieferwagens sah und die drei Knaben künstlich gealtert, als die Schlange aus einer Damenhandtasche geholt wurde und Sarastro umgeben war von Damen und Herren, die aussahen wie das medizinische Personal einer Nervenanstalt, dachte ich an die Zeiten, da es noch so etwas wie ein Mozart-Ensemble gegeben hat.
Demgegenüber ist die „Bohème“ ja fast werkgetreu aufgeführt worden. Zwar sonderbar, höchst sonderbar, aber doch, wenn auch zeitmäßig verschoben, noch erkenntlich. Nicht zu vergleichen mit der „Carmen“ in St. Margarethen. „Vive l'Espagne libre“ wurde da gerufen, Don José trat in der Uniform eines Franco-Soldaten auf, und insgeheim haben Revolutionäre ein Plakat affichiert, das Hammer und Sichel zeigte. Für Ordnung sorgten Herren mit langen schwarzen Mänteln und großen Hüten.
Noch einmal: Eindrücke, per Television übermittelt. Der, wohlgemerkt, diesmal großes Lob zu spenden ist. Sie ließ richtig teilhaben. Nicht nur am „Jahrmarkt der Eitelkeiten“. Über ihn, der sich auch anderwärts zeigt und nicht bloß bei Festspielen, soll das nächste Mal berichtet werden. Aber ist es verwerflich, doch wieder das Langzeitgedächtnis zu strapazieren? Das Radio hat von allem Anfang an die Nachkriegsfestspiele aus Salzburg übertragen. Mir sind sie – ich ging noch ins Gymnasium – in Erinnerung: Attila Hörbiger, Ewald Balser, Curd Jürgens. Auch Helene Thimig als Glaube. Namen, Namen! Der Dünne Vetter war einmal – lang, lang ist's her – Theo Lingen. Und den Tod, den spielte doch Ernst Deutsch? Die Buhlschaft war damals fast uninteressant. Elfe Gerhart – wer war das? Der diesbezügliche Hype kam erst später.
Und auch die Intendanten waren für unsereins unbekannt. Sie haben sich freilich nicht so oft gezeigt wie der jetzige, der vor der Kamera immer lächelt. Dass er bereits etliche Flops registrieren musste, kann er vertragen. Dafür wird er sich um Sponsoren bemühen.
Noch einmal: Nichts liegt mir ferner, als zu renommierten Kulturjournalisten in Konkurrenz treten zu wollen. Aber, und auch dies noch einmal: Ich fürchte mich vor einem weiteren Siegeszug des Regietheaters. Aber das gilt nicht nur für die Salzach-Stadt.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)















