25.05.2013 05:42 Merkliste 0

Von Salzburgs "Vanity Fair" in Wiens "Goldenes Quartier"

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

Laut John Bunyan ist der Jahrmarkt der Eitelkeiten vor 350 Jahren von drei Teufeln errichtet worden. Kannten sie Fußgängerzonen?

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In 200 Sprachen ist sie übersetzt worden, diese „Pilgerreise zur Seligen Ewigkeit“, die der britische Baptistenprediger John Bunyan anno 1678 beschrieben hat: „The Pilgrim's Progress“, eine umfangreiche Tour, die unter anderem auch zum „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ führte. Der Name ist seither bekannt und wurde vielfach variiert. William Thackeray hat ihn für einen Roman verwendet, der im vorviktorianischen London angesiedelt ist, und natürlich hat sich auch das Fernsehen nicht vorbeigeschlichen. Jahrmarkt der Eitelkeiten: eine Vorahnung der „Seitenblicke-Gesellschaft“, fürwahr.

Der Jahrmarkt ist laut Bunyan von drei Teufeln errichtet worden, und der Pilger, der ihn durchwanderte, ist von zwei Kumpanen begleitet worden: einer hieß Getreu, der andere Schwätzer, und dessen Vater wieder hieß Redselig, wohnhaft in der Schwatzgasse. Mehr an literarhistorischen Reminiszenzen gefällig? Jeder Vergleich hinkt, heißt es. Aber ist es abwegig, dass ein solcher gerade zum Ende der Salzburger Festspiele aktuell scheint? Jahrmarkt der Eitelkeiten? Eitelkeit sei, wie es heißt, eine Hauptsünde. Aber wer will da wirklich den ersten Stein werfen?

Vanity Fair. Wir alle sind eitel, wir in den Medien zumal, aber auch Politiker samt Politologen, Wissenschaftler samt Philosophen, Kleriker samt Pfarrern – nicht zuletzt für sie alle ist eine Spur von Eitelkeit Teil ihres Berufs. Muss es wohl sein – von den Promis, denen es gelungen ist, die Gesellschaft zur Society niederzumachen, will ich da gar nicht reden.


Noch einmal: Jahrmarkt der Eitelkeiten. Für das „Goldene Quartier“ im Wiener Stadtzentrum, eingerichtet von einer Development-Firma, ist sogar eine eigene Fußgängerzone geplant worden, weshalb der City-Bus seine Linienführung änderte – sehr zum Missfallen der betagten Innenstadtbewohner. Sie sind (bis jetzt?) unterlegen. Aber es bereitet ihnen immerhin Vergnügen, feststellen zu können, dass sich in der City wieder so etwas wie Eleganz bemerkbar macht. Nein, nicht die Kärntner Straße ist gemeint. Dass sie im DKT-Spiel das teuerste Grundstück bot – das war einmal. Das Brettspiel hat früher „Spekulation“ geheißen.

Die Kärntner Straße ist, pardon, mit wenigen Ausnahmen leider ein besserer Basar. Der Graben und die Nebengassen gefallen mir besser, viel besser. Sogar das „Goldene Quartier“ lässt Positives erwarten. Da nehme ich die Verneigung vor der Eitelkeit durchaus in Kauf. In der Politik, in der sie gelegentlich notwendig wäre, vermisse ich sie zeitweilig. Oder, um Karl Farkas zu variieren: „Schau'n Sie sich das an!“ Und denken Sie nicht an Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“: „Was a Mann schener is als a Aff, is a Luxus.“ Das gilt natürlich nicht für die Politikerinnen, versteht sich. Für die ist ein Spaziergang über den Jahrmarkt der Eitelkeiten nicht notwendig.

Der aber ist eben, wie Bunyan schrieb, drei Teufeln zu verdanken. Er bot Ämter, Würden und Lustbarkeiten feil, aber er machte, wie der Baptistenprediger meinte, auch süchtig. Wie wahr! Die „Seitenblicke“ tun es beispielsweise. Die drei Teufel sind Kameramann, Tonmeister und Regisseur, gelegentlich in einer Person. Teuflisch, wie sie es verstehen, das dumme Lachen von freiwilligen Akteuren beiderlei Geschlechts telegen zu präsentieren.

Dabei haben weder John Bunyan noch William Thackeray geahnt, wie populär Vanity Fair einmal sein würde.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)

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