Lob für die "Grünen Wurschteln" Wehrpflicht? Schaun ma a mal!

Ein Vierteljahr vor der Volksbefragung zeichnet sich eine Mehrheit gegen das Berufsheer ab - hoffentlich wird sie halten.

Die Volksbefragung wird zugunsten der Wehrpflicht ausgehen – so sieht es zumindest aus, derzeit jedenfalls. Sogar in der sozialdemokratischen Wählerschaft mehren sich die Pro-Stimmen, und selbst „rote“ Bürgermeister (jener in der Bundeshauptstadt ausgenommen, dem seine Partei den schließlich zum Flop gewordenen vermeintlichen Wahlschlager zu verdanken hat) – selbst SP-Bürgermeister also sind für die Beibehaltung des derzeitigen Rekrutierungssystems.

Ich auch. Ich sehe mich in dieser Hinsicht einer Meinung mit dem Bundespräsidenten. Auch Heinz Fischer betont immer wieder die Vorzüge der allgemeinen Wehrpflicht, sehr zum Unterschied vom Zivildiener als Ressortchef der bewaffneten Macht. Es ist anzunehmen, dass er seinen Posten wird räumen müssen, wenn die Mehrheit der Österreicher seiner (freilich seinerzeit abrupt geänderten) Auffassung widerspricht.

Aber sein Rücktritt ist leider, wie es scheint, nicht in Stein gemeißelt. Unterstützt wird Darabos ja durch die Meinung jenes „Chefredakteurs“ einer Gratiszeitung, dessen Kommentar an Dummheit nicht mehr zu überbieten ist. Unter dem Titel „Achtung, die grünen Wurschteln kommen“ beschrieb er die Militärschau am Wiener Heldenplatz: „Stolz waren wir auf unser Heer zu keiner Zeit. Aber so ungeniert ausgelacht wie jetzt haben wir es noch nie.“ Am Lachen, sagte meine Großmutter immer, erkennt man den Narren.


Die Österreicher haben nicht gelacht, damals im Sommer 1955, als zum ersten Mal eine Kompanie des neuen österreichischen Bundesheeres noch als B-Gendarmerie durch die Mariahilfer Straße zur Hofburg marschierte, wo sie von Bundespräsident Körner begrüßt wurde. Sie haben auch nicht gelacht, als im Spätherbst 1956 während der Ungarn-Revolution das Heer erstmals eingesetzt wurde, an der Grenze, mit Schießbefehl.

„Ziel der Militärpräsenz war es, den Menschen im Burgenland ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln und die Gewissheit, dass sie nicht allein gelassen würden“, schrieb in der Vorwoche Ernst Trost in einer klugen Kolumne in der „Kronen Zeitung“. Er war wie ich damals im Burgenland. Ein alter Panzerspähwagen aus amerikanischen Beständen, aber mit rot-weiß-roten Kennzeichen, genügte, um uns zu beruhigen. Wir fürchteten ja, dass die Sowjets unsere Grenze missachten könnten. Wir fühlten uns beschützt. Wie auch 1968 nach dem Prager Frühling. Wie auch während des Jugoslawienkriegs.

Europa ist heute sicherer geworden, gewiss doch. Aber es gibt noch mehr Gründe für die Beibehaltung der Wehrpflicht als allfällige Katastrophenhilfe. Nicht zuletzt jenen, den einst John F. Kennedy formulierte: „Fragt nicht, was euer Land für euch tut, fragt lieber, was ihr für euer Land tun könnt.“ Diese Maxime widerspricht zur Gänze der Idee einer Söldnertruppe, wie sie den Genossen Faymann und Darabos vorschwebt – und die bisher von der SPÖ, die sich an 1934 erinnerte, vehement abgelehnt worden war.

Kommt hinzu, dass die Wehrpflicht eine begrüßenswerte zeitweilige Lockerung geografischer und sozialer Herkunft bedeutet. Sie trennt nicht, sie trägt zur Einheit bei. Voraussetzung ist freilich eine Reform, wie sie auch dem (sozialdemokratischen) Generalstabschef vorschwebt. Der vehement für die Wehrpflicht eintritt, so wie fast alle Offiziere. Und wie das Staatsoberhaupt. Und wie ich. Wir wissen, dass Kennedy recht gehabt hat.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2012)

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