20.06.2013 06:39 Merkliste 0

Wird auch im Goldenen Quartier irgendwann der Rubel rollen?

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

Von neuen Fußgängerzonen und altem Missmut: Gedanken über René Benko und die geänderte Linienführung der Citybusse. Gastkolumne von Thomas Chorherr

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Noch einige wenige Wochen, dann haben wir, was wir schon lang haben wollten, weil es notwendig war (oder zumindest schien): eine Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien. Sei's drum: Das Amt, der Auftrag also, wäre längst vonnöten gewesen. Immerhin gibt es ja bereits einen Fahrradbeauftragten, und wenn wir, die wir schlecht und recht zu Fuß gehen, auch gewohnt sind, gleichsam als Parasiten des Großverkehrs angesehen zu werden, sind wir dankbar, dass man einmal auch an uns denkt.

Parasiten des Verkehrs? Sagen wir lieber: Stiefkinder. Missachtete. Wirklich? Einspruch, Euer Ehren! Wir sollen, wenn wir können, durch das neue goldene Quartier flanieren, diese Agglomeration von exquisiten Geschäften und Nobeldomizilen (20.000 € pro Quadratmeter, wie eine populäre Gratiszeitung meldet). Der Rubel rollt. Das soll natürlich nicht missverstanden werden; nicht nur reiche Russen sind willkommen. Immobilienmagnat René Benko – er ist kürzlich wegen „versuchter verbotener Intervention“ von einem Wiener Gericht zu zwölf Monaten bedingter Haft verurteilt worden – kennt sich aus. Er weiß Fußgänger zu schätzen.

Benko ist, wie ich annehme, den Wiener Linien zu innigem Dank verpflichtet, weil sie die Strecken der Citybusse radikal geändert haben. Gewiss nicht ihm zuliebe. Es gilt die Unschuldsvermutung. Denn Fußgängerzonen kann man nicht kaufen, auch wenn es Leute gibt, die solches nicht für unmöglich halten. Und den Missmut der Bevölkerung kann Benkos Signa Holding aushalten. Auch wenn dieser Missmut längst zum Grimm ausgewachsen ist.


Denn in der Liste der Beauftragten fehlt noch einer, dessen Aufgabe vordringlich wäre: der Behindertenbeauftragte. Wer immer auf die skurrile Idee gekommen war, die zumeist älteren Fahrgäste der Citybusse jetzt zum mehrmaligen Umsteigen zu zwingen, während sie früher im Öffi nach Belieben die Innenstadt durchqueren konnten, hatte seine fünf Sinne nicht beisammen. Und wer immer mit dieser Planung einverstanden war, müsste dazu verurteilt werden, etwa den Michaelerplatz mit seinem gewiss denkmalgeschützten, aber reichlich als Stolperfalle dienenden Pflaster zu überqueren.

Oder sich über die Gehsteigkanten zu mühen, die gerade dort, wo sie abgeflacht sein sollten, nicht behindertengerecht sind. Aber das ist ja, wie ich weiß, ein Fremdwort in dieser Stadt. Merk's Wien! Merke, dass es sich auszahlen würde, der Fußgängerbeauftragten eine Reise in die USA zu ermöglichen. Von der behindertengerechten Ausstattung der dortigen Städte kann sich Wien, wie es so schön heißt, ein Stück abschneiden. Ein großes Stück.

„Wir präsentieren nur Erfolge!“, wird ein Signa-Holding-Mitarbeiter in dem erwähnten Gratisblatt zitiert, unter dem Titel „Büros von Benko in Wien halb leer“. Einen Erfolg hat er jedenfalls erzielt: das goldene Quartier ohne Citybusse. Angeblich warten dort 9500 Quadratmeter Geschäftsflächen noch auf Mieter. Wird der Rubel rollen? Oder gilt auch beim goldenen Quartier (stolzer Name!) der alte Spruch, dass nicht alles Gold ist, was glänzt?

Trotzdem: Nichts gegen René Benko. Nichts auch gegen die neue städtische Fußgängerzone, die von den Nobelgeschäften gesäumt wird. Wenigstens ist die Straßenoberfläche glatt. Und was allfällige Verbindung der Kommune mit Immobilienwünschen betrifft, gilt auch hier natürlich die Unschuldsvermutung.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2012)

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2 Kommentare

Rubel für Benko?

Sie sollten stolz sein, daß es einer privaten Initiative gelungen ist, einen derartig schönen Gebäudekomplex zu errichten und Wien etwas zu bieten hat und Touristen nach Wien zieht, die auch Geld hier lassen. Und was den Citybus betrifft, so ist auch hier Ihre Hetze gegen Benko völlig unberechtigt. Mir wurde dies auch beim Magistrat erzählt, daß es Herrn Benko's Wunsch wäre, was dieser entschieden bestreitet (habe ihn persönlich dazu befragt). Ganz im Gegenteil, für die Menschen, die dort einkaufen ist ein kleiner Bus sogar ideal. Ich bin ebenfalls Innenstadtbewohner und muß jetzt von der Oper zur Börse zweimal umsteigen, fahre dann beim zweiten Mal Umsteigen zunächst in die falsche Richtung und es dauert glatte 50 Minuten. Zurück kommt man praktisch überhaupt nicht mehr. Wir wollen nicht an die City, sondern in die City fahren. Bepackt mit kleinen Einkäufen (Lebensmittel), Blumen etc. kann man nicht einfach zu Fuß gehen, wenn man älter ist. Es bleibt nur das Taxi, was absolut zu teuer ist oder man geht eben einfach nicht mehr in die "untere" Stadt einkaufen, wenn man im "oberen" Teil wohnt. Das ist Frau Stenzel und den Wiener Linien aber egal. Durch die unsinnige Linienführung wird der Bus weniger benützt und vermutlich dann ganz eingestellt. Diesem Skandal sollten Sie sich einmal annehmen und wirklich genau recherchieren. Das würde ich mir von Ihnen wünschen. "Reichen-Bashing" ist langweilig und Ihrer nicht würdig.

Rubel für Benko?

Bislang habe ich Ihre Kommentare immer sehr geschätzt, da sie gut recherchiert und fair waren. Umso entsetzter bin ich, daß auch Sie auf die sehr tendenziösen Negativmeldungen hereinfallen und sich vor den Karren der Neidgesellschaft spannen lassen. Nicht anders ist Ihr Hetzartikel gegen Rene Benko zu verstehen. Herr Benko ist bislang unbescholten und wude von einer sehr wenig erfahrenen Richterin im Schnellverfahren verurteilt in erster Instanz. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Das nur am Rande. Warum Sie aber gegen einen privaten Investor so hetzen - keine Steuergelder - der es "gewagt" hat, einen ziemlich verfallenen Gebäudekomplex streng nach den Originalbauten aufwendigst zu renovieren und endlich eine Fußgängerzone zu gestalten, die ihren Namen auch im Vergleich zu Weltstädten nicht zu scheuen braucht, ist mir ein Rätsel. Beim seit vielen Jahren bestehenden Desaster am Neuen Markt, der durch die Unfähigkeit eines Herrn Sardana, der einen Großteil der Geschäfte angemietet hat, diese dann nicht bezahlt hat und leer stehen ließ mit verklebten Fenstern, haben Sie geschwiegen. Das ist wirklich ein Skandal. Was die Leerstände im neuen Viertel betrifft, so können Sie doch nicht schon vor Eröffnung tendenziöse Bemerkungen machen. Sie sind wohl nicht sehr erfahren in diesen Dingen, ansonsten hätten Sie sich Vergleichszahlen in anderen großen Städten geholt und gesehen, daß das ganz am Anfang überall so ist, sich aber rasch ändert.

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