Noch einige wenige Wochen, dann haben wir, was wir schon lang haben wollten, weil es notwendig war (oder zumindest schien): eine Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien. Sei's drum: Das Amt, der Auftrag also, wäre längst vonnöten gewesen. Immerhin gibt es ja bereits einen Fahrradbeauftragten, und wenn wir, die wir schlecht und recht zu Fuß gehen, auch gewohnt sind, gleichsam als Parasiten des Großverkehrs angesehen zu werden, sind wir dankbar, dass man einmal auch an uns denkt.
Parasiten des Verkehrs? Sagen wir lieber: Stiefkinder. Missachtete. Wirklich? Einspruch, Euer Ehren! Wir sollen, wenn wir können, durch das neue goldene Quartier flanieren, diese Agglomeration von exquisiten Geschäften und Nobeldomizilen (20.000 € pro Quadratmeter, wie eine populäre Gratiszeitung meldet). Der Rubel rollt. Das soll natürlich nicht missverstanden werden; nicht nur reiche Russen sind willkommen. Immobilienmagnat René Benko – er ist kürzlich wegen „versuchter verbotener Intervention“ von einem Wiener Gericht zu zwölf Monaten bedingter Haft verurteilt worden – kennt sich aus. Er weiß Fußgänger zu schätzen.
Benko ist, wie ich annehme, den Wiener Linien zu innigem Dank verpflichtet, weil sie die Strecken der Citybusse radikal geändert haben. Gewiss nicht ihm zuliebe. Es gilt die Unschuldsvermutung. Denn Fußgängerzonen kann man nicht kaufen, auch wenn es Leute gibt, die solches nicht für unmöglich halten. Und den Missmut der Bevölkerung kann Benkos Signa Holding aushalten. Auch wenn dieser Missmut längst zum Grimm ausgewachsen ist.
Denn in der Liste der Beauftragten fehlt noch einer, dessen Aufgabe vordringlich wäre: der Behindertenbeauftragte. Wer immer auf die skurrile Idee gekommen war, die zumeist älteren Fahrgäste der Citybusse jetzt zum mehrmaligen Umsteigen zu zwingen, während sie früher im Öffi nach Belieben die Innenstadt durchqueren konnten, hatte seine fünf Sinne nicht beisammen. Und wer immer mit dieser Planung einverstanden war, müsste dazu verurteilt werden, etwa den Michaelerplatz mit seinem gewiss denkmalgeschützten, aber reichlich als Stolperfalle dienenden Pflaster zu überqueren.
Oder sich über die Gehsteigkanten zu mühen, die gerade dort, wo sie abgeflacht sein sollten, nicht behindertengerecht sind. Aber das ist ja, wie ich weiß, ein Fremdwort in dieser Stadt. Merk's Wien! Merke, dass es sich auszahlen würde, der Fußgängerbeauftragten eine Reise in die USA zu ermöglichen. Von der behindertengerechten Ausstattung der dortigen Städte kann sich Wien, wie es so schön heißt, ein Stück abschneiden. Ein großes Stück.
„Wir präsentieren nur Erfolge!“, wird ein Signa-Holding-Mitarbeiter in dem erwähnten Gratisblatt zitiert, unter dem Titel „Büros von Benko in Wien halb leer“. Einen Erfolg hat er jedenfalls erzielt: das goldene Quartier ohne Citybusse. Angeblich warten dort 9500 Quadratmeter Geschäftsflächen noch auf Mieter. Wird der Rubel rollen? Oder gilt auch beim goldenen Quartier (stolzer Name!) der alte Spruch, dass nicht alles Gold ist, was glänzt?
Trotzdem: Nichts gegen René Benko. Nichts auch gegen die neue städtische Fußgängerzone, die von den Nobelgeschäften gesäumt wird. Wenigstens ist die Straßenoberfläche glatt. Und was allfällige Verbindung der Kommune mit Immobilienwünschen betrifft, gilt auch hier natürlich die Unschuldsvermutung.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2012)















