Es gilt die Unschuldsvermutung. Längst ist der Begriff zum Wort des Jahres geworden. Auch ich habe es an dieser Stelle schon mehrmals geschrieben. Es gilt die Unschuldsvermutung – in vielerlei Hinsicht. So wie auch das Wort „mutmaßlich“ zu einem des Jahres, besser: zu einem Wort der Zeit geworden ist. Mutmaßlich: Es wird in den Printmedien selbst dann verwendet, wenn der Täter (oder die Täterin, da muss man gendergerecht sein) auf frischer Tat ertappt wurde und ein Geständnis abgelegt hat. Das Wort „mutmaßlich“ bleibt erhalten. Sonderbar, höchst sonderbar.
Frank Stronach ist mutmaßlich ein Politiker. Er will es jedenfalls sein, auch wenn er gelegentlich seine Beherrschung verliert und sich total danebenbenimmt, wie vor Kurzem in einem Fernsehinterview. Er kommt sogar gelegentlich ins Parlament, wo er jüngst die neuen Klubräume präsentiert hat. Die Mitglieder des Teams Stronach sind in einem Nebengebäude untergebracht. Sie sind ambitioniert, aber sie sollen, wie ihr Chef sagte, nur für zwei Legislaturperioden ihr Mandat behalten. Es sei denn, ein „Weisenrat“ verlängert die Periode. Also sprach Frank Stronach in seinem unmissverständlichen, wenngleich kanadisch-englisch gefärbten Deutsch.
Er ist, wie gesagt, ein mutmaßlicher Politiker, und auch für ihn gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Seine Sprache holpert – na und? Er will, dass seine Interviews kürzungsfrei gesendet werden. Ähnliches verlangt er mutmaßlicherweise auch von den Printmedien. Soll er! Denn jede Art von Vorverurteilung soll in diesem Fall vermieden werden. Sie kommt in den Medien häufig genug vor. Aber das ist eine andere Geschichte.
Allein, über eine wieder andere sollte man nachdenken. Wie kommt es, dass den derzeitigen Prognosen zufolge bis zu zehn Prozent der Wählerinnen und Wähler einem austrokanadischen Milliardär, der sich gerade jetzt im Zusammenhang mit dem Eurofighter-Kauf gegen Verdächtigungen zur Wehr setzen muss – wie kommt es, dass relativ viele Menschen diesem Pseudopolitiker angeblich ihre Stimme geben wollen? Sind sie meschugge? Gewiss nicht. Sind sie missmutig? Das eher. Sind sie enttäuscht über das, was sich derzeit in der politischen Arena tut? Es gilt auch für sie die Unschuldsvermutung. Sie wissen nicht, was sie tun.
Aber sie glauben, es zu wissen. Tempus horribilis, würde die Queen sagen. Eine schreckliche Zeit. Wir leben ja in einem Sumpf, nicht wahr – jede Bananenrepublik hat offenbar ehrlichere Politiker. Unsere hingegen unterliegen trotz Unschuldsvermutung der Vorverurteilung. Und weil wir in einer Mediokratie leben, die sich gelegentlich zur Mediokratur auswächst und die öffentliche Meinung zu dominieren scheint, wird von vielen geglaubt, was gesagt, gezeigt und vor allem in den Gratisblättern geschrieben wird.
Das gilt natürlich nicht für den mutmaßlichen Politiker aus Kanada. Er wird, glaubt mir, mit eisernem Besen die erwähnte politische Arena reinfegen. Dazu braucht er ja nicht akzentfrei Deutsch sprechen. Er hat Geld, viel Geld. Und auch in der Politik ist vieles käuflich. An Beispielen gibt es genug.
Tempus horribilis, in der Tat. Wirklich? Haben wir wirklich einen Stronach gebraucht, um zu erkennen, was verbesserungswürdig ist im Staate Österreich? Ich glaube, dass bei den meisten der zehn Prozent Wähler, auf die er offenbar hofft, bis zum nächsten Herbst Vernunft einkehren wird. Der Rest ist Schweigen.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2012)















