Einen absoluten Rekord an Zusehern habe das jüngste TV-Bürgerforum verzeichnet, konnte man lesen: Es ging natürlich um die Frage, ob anstelle der Wehrpflicht ein Berufsheer eingeführt werden sollte. Mehr als eine Million Zuseher! Auch ich war darunter. Sofortumfragen zufolge wissen drei Viertel von ihnen schon heute, dass sie sich an der Befragung – „Abstimmung“, wie es der seinerzeit zum Verteidigungsminister avancierte Zivildiener Darabos genannt hatte, aber es war offenbar nur ein Versprecher – beteiligen wollen. Auch ich bin darunter. Seit ich politisch denken kann, habe ich an jeder öffentlichen Entscheidung teilgenommen. Boykottaufrufe, von welcher Seite auch immer, halte ich nicht nur für undemokratisch. Sie sind ganz einfach abgrundtief dumm.
Warum eigentlich kommt mir in diesem Zusammenhang immer wieder und vielleicht allzu oft die Bezeichnung in den Sinn, die die alten Griechen anfangs dem Volk, aber allzu schnell der dumpfen Masse zugesprochen haben? Hoi polloi. Die vielen. Die Unwissenden. Die, denen alles egal ist. Wurscht. Christian Ortner, Kolumnist dieser Zeitung, nennt diese Masse „ungebildet, unreflektiert, manipulierbar“;sie ernährt sich „intellektuell von Krawallfernsehen und Trash-Boulevard“.Und er erläutert, was er in seinem Buch „Prolokratie“feststellt: „Demokratie kann nur funktionieren, wenn die Verblödung der Mehrheit ein bestimmtes Ausmaß nicht überschreitet. Sonst kippt sie in die Herrschaft der Verblödeten.“
Die Leser dieser Zeitung gehören nicht dazu. Sie werden mir demnach verzeihen, wenn ich sie wieder einmal mit einem Funken von Erinnerung belästige. 26. September 1955: Einzug der ersten Einheiten eines noch provisorischen österreichischen Heeres in Wien. Zehntausende umlagerten jubelnd den Heldenplatz, Bundespräsident Körner begrüßte die Ex-Gendarmen, die jetzt Soldaten geworden waren, vor der Hofburg. November 1956: Revolution in Ungarn. Das junge Bundesheer,zur Grenzsicherung alarmiert, beruhigt trotz noch mangelnder Ausrüstung die Burgenländer: Die Russen kommen nicht wieder. Wir wachen über euch! Sommer 1968: Russische Panzer in Prag, wieder Alarm für österreichische Soldaten. 1991: Kriegerischer Zerfall Jugoslawiens.
Aber heute sind wir in der EU ja sicher, nicht wahr? Wie schnell sich Verhältnisse ändern können, zeigt die Geschichte. Und auf die Notwendigkeit eines funktionierenden Zivildienstes hinzuweisen scheint zudem überflüssig. Kommt hinzu, dass die Wehrpflicht auch eine soziale, geografische, ethnische Integration der jungen Österreicher fördert. Und dann bleibt ja immerhin auch unwidersprochen, was Kennedy den Amerikanern zugerufen hat: Fragt nicht nur, was euer Land für euch tun kann. Fragt, was ihr für das Land tun könnt!
Michael Häupl hat etliche Argumente für die Wehrpflicht als „erbärmlich“ bezeichnet. Auch der Landeshauptmann des Burgenlands unterschrieb den Berufsheeraufruf – es wird ihm schaden. Die beiden Genossen sind parteitreu. Viele andere sind es nicht – siehe Burgstaller und Voves. Und vor allem auf dem Land weiß man, worum es geht: wen man ruft, wenn man in Not ist. Den Prolokraten – jenen, die im oberösterreichischen SP-Chef einen Mitstreiter gefunden haben könnten – ist zu wünschen, dass sie den Volkswillen nicht majorisieren werden.
Ceterum censeo, dass die Wehrpflicht bleiben soll. Aber wie sagt man heute? Schau ma amal.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2013)















