Endet die Bussi-Gesellschaft? Gedanken am Faschingsmontag

Ist Rainer Brüderle schuld daran, dass die „Verstrafrechtlichung der Gesellschaft“ zur Kriminalisierung der Zärtlichkeit führt?

Der Franzose war schon da. Er hat vor dem großen Tor des Konferenzgebäudes gewartet. Die Deutsche steigt aus dem Auto. Bussi-Bussi. Ob der Gruß von Herzen gekommen ist, den François Hollande der angekommenen Angela Merkel gespendet hat, weiß man nicht. Aber man sah, wie sich die deutsche Bundeskanzlerin aus dem Mantel schälte. Der französische Staatspräsident stand daneben. Half er der Dame? Keine Rede davon.

Es war die letzte Faschingswoche. Kein Grund also, an Aschermittwoch zu denken. Aber an Höflichkeit? An Courtoisie, um in der Sprache Hollandes zu bleiben? Heute ist Faschingsmontag, den man am Rhein auch den Rosenmontag nennt. Vielleicht stammt die Bezeichnung aus einer Zeit, da man einer Dame noch Rosen geschenkt hat. Allenfalls sogar mit einem Handkuss, wie es bei uns gelegentlich (wenn auch nur mehr selten) geschieht. Ich wage zu bezweifeln, ob solches jetzt noch gestattet ist. Ob sich die Dame nicht beschweren würde, vielleicht sogar Anzeige erstattet.

Wer jüngst gesehen hat, wie Österreichs Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek in der „Zentrum“-Diskussion mit verbitterter Miene die Ausweitung der Strafbarkeit auch auf die Berührung von Körperteilen jenseits der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verlangt hat, weiß, was gemeint ist. Nein, die Ministerin wünscht gewiss nicht das, was vor Kurzem eine „Verstrafrechtlichung der Gesellschaft“ genannt wurde. Aber vielleicht doch das, was ich als „Kriminalisierung der Zärtlichkeit“ bezeichnen würde. Und Rainer Brüderle ist schuld. Hat er das geahnt?


Es ist also bald Schluss mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft – es sei denn, man erkundigt sich vorher bei der jeweiligen Zielperson, ob man sie küssen darf. Und Thomas Schäfer-Elmayer, der umtriebige angebliche Etikettepapst, muss seinen Hinweis widerrufen, beim Handkuss durchaus einen Hauch von Berührung andeuten zu dürfen. Wo sind die Zeiten, da mir als Student in den USA bei Sorority-Tanzveranstaltungen die Partnerinnen ihre Hände entgegenstreckten, weil es „so sweet“ war, wenn dieser Jüngling mit seinem european accent demonstrierte, wie man in seinem Land die Damen begrüßt. I am from Austria!

Ich bin es noch immer. Deswegen schaudert es mich bei dem Gedanken, dass nun nicht nur in diesem Austria, sondern – Brüderle ist schuld – wahrscheinlich in ganz Europa eine neue Nüchternheit einziehen könnte. Dass man sich als Herr und Gentleman allenfalls sogar Komplimente verbeißen müsste. Sie sehen gut aus? Schweig still, mein Herz! Sonst kommt die Polizei.

Skurrile Gedanken am Faschingsmontag? Zugegeben, der „Zentrum“-Auftritt der Frauenministerin hat mitgeholfen zu überlegen, ob die Begriffe von Anstand und „G'hört sich“ nicht durch kodifizierte Strafbestimmungen ersetzt werden müssen, weil offenbar Erstere kaum mehr bekannt sind. Darf man das heute noch? Oder, wie Kaiser Ferdinand in einem anderen Zusammenhang gefragt haben soll: Ja derfen'S denn des?

Dann aber erinnere ich mich an ein berühmtes Wahrwort: In Deutschland sei alles verboten, was nicht ausdrücklich gestattet ist, und in England alles gestattet, was nicht ausdrücklich verboten. In Österreich hingegen sei alles gestattet, was als ausdrücklich verboten gilt. In diesem Sinn: Fröhlichen Faschingsausklang!


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2013)

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