Endet die Bussi-Gesellschaft? Gedanken am Faschingsmontag

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

Ist Rainer Brüderle schuld daran, dass die „Verstrafrechtlichung der Gesellschaft“ zur Kriminalisierung der Zärtlichkeit führt?

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Der Franzose war schon da. Er hat vor dem großen Tor des Konferenzgebäudes gewartet. Die Deutsche steigt aus dem Auto. Bussi-Bussi. Ob der Gruß von Herzen gekommen ist, den François Hollande der angekommenen Angela Merkel gespendet hat, weiß man nicht. Aber man sah, wie sich die deutsche Bundeskanzlerin aus dem Mantel schälte. Der französische Staatspräsident stand daneben. Half er der Dame? Keine Rede davon.

Es war die letzte Faschingswoche. Kein Grund also, an Aschermittwoch zu denken. Aber an Höflichkeit? An Courtoisie, um in der Sprache Hollandes zu bleiben? Heute ist Faschingsmontag, den man am Rhein auch den Rosenmontag nennt. Vielleicht stammt die Bezeichnung aus einer Zeit, da man einer Dame noch Rosen geschenkt hat. Allenfalls sogar mit einem Handkuss, wie es bei uns gelegentlich (wenn auch nur mehr selten) geschieht. Ich wage zu bezweifeln, ob solches jetzt noch gestattet ist. Ob sich die Dame nicht beschweren würde, vielleicht sogar Anzeige erstattet.

Wer jüngst gesehen hat, wie Österreichs Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek in der „Zentrum“-Diskussion mit verbitterter Miene die Ausweitung der Strafbarkeit auch auf die Berührung von Körperteilen jenseits der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verlangt hat, weiß, was gemeint ist. Nein, die Ministerin wünscht gewiss nicht das, was vor Kurzem eine „Verstrafrechtlichung der Gesellschaft“ genannt wurde. Aber vielleicht doch das, was ich als „Kriminalisierung der Zärtlichkeit“ bezeichnen würde. Und Rainer Brüderle ist schuld. Hat er das geahnt?


Es ist also bald Schluss mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft – es sei denn, man erkundigt sich vorher bei der jeweiligen Zielperson, ob man sie küssen darf. Und Thomas Schäfer-Elmayer, der umtriebige angebliche Etikettepapst, muss seinen Hinweis widerrufen, beim Handkuss durchaus einen Hauch von Berührung andeuten zu dürfen. Wo sind die Zeiten, da mir als Student in den USA bei Sorority-Tanzveranstaltungen die Partnerinnen ihre Hände entgegenstreckten, weil es „so sweet“ war, wenn dieser Jüngling mit seinem european accent demonstrierte, wie man in seinem Land die Damen begrüßt. I am from Austria!

Ich bin es noch immer. Deswegen schaudert es mich bei dem Gedanken, dass nun nicht nur in diesem Austria, sondern – Brüderle ist schuld – wahrscheinlich in ganz Europa eine neue Nüchternheit einziehen könnte. Dass man sich als Herr und Gentleman allenfalls sogar Komplimente verbeißen müsste. Sie sehen gut aus? Schweig still, mein Herz! Sonst kommt die Polizei.

Skurrile Gedanken am Faschingsmontag? Zugegeben, der „Zentrum“-Auftritt der Frauenministerin hat mitgeholfen zu überlegen, ob die Begriffe von Anstand und „G'hört sich“ nicht durch kodifizierte Strafbestimmungen ersetzt werden müssen, weil offenbar Erstere kaum mehr bekannt sind. Darf man das heute noch? Oder, wie Kaiser Ferdinand in einem anderen Zusammenhang gefragt haben soll: Ja derfen'S denn des?

Dann aber erinnere ich mich an ein berühmtes Wahrwort: In Deutschland sei alles verboten, was nicht ausdrücklich gestattet ist, und in England alles gestattet, was nicht ausdrücklich verboten. In Österreich hingegen sei alles gestattet, was als ausdrücklich verboten gilt. In diesem Sinn: Fröhlichen Faschingsausklang!


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2013)

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9 Kommentare
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Mir graut

nicht nur vor den Küssern und Grapschern sondern auch vor den Händeschüttlern.
Der Osten beweist, das ein Kopfnicken als Begrüßung reicht.

"Verstrafrechtlichung der Gesellschaft"?

Gut, über diese doppelnämige Frauenministerin braucht man nichts zu sagen. Die spricht für sich.
Über die journalistische Qualität dieser Sternreporterin, die die Diskussion ausgelöst hat, braucht man nicht zu diskutieren, da sie doch ein Jahr gebraucht hat, um ihren empörungsepileptischen Anfall zu bekommen - aber viel mehr über die politische Absicht, die dahinter stand.
Jedenfalls scheinen wir, traurigen Zeiten entgegen zu gehen. Das sehen auch manche Journalistinnen offensichtlich so. Ich darf dabei u.A. z.B. auf Polly Adlers Kurierkolumne vom letzten Samstag verweisen. Ich war beruflich auch an vielen Hotelbars nach Mitternacht. Es war immer lustig, immer feucht und es wurde viel Blödsinn geredet - nicht nur von Männern. Alle haben es genossen. Wird man in Zukunft Frauen von lustigen Runde an der Hotelbar ausschließen, weil sie sich belästigt fühlen könnten? Ich fürchte ja. Was mir persönlich, und es gehört auch irgendwie zu dieser Debatte, noch viel mehr Sorgen macht ist, daß man von unserer Generation wahrscheinlich als der letzten sprechen wird, die noch frei Witze erzählen konnte und die sich frei lachen getraute. es fällt immer öfters auf, daß Leute keine Witze mehr erzählen können, bzw. es sich nicht getrauen. Ebenso überlegen die Zuhörer ganz offensichtlich bei jedem Witz, ob es erlaubt ist zu lachen, ob er der Etikette der "poltical correctness" entspricht. Na, welcher Witz tut das schon? Jedenfalls wird es seit 1955 erstmals wieder gefährlich Witze zu erzählen

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Re: "Verstrafrechtlichung der Gesellschaft"?

Wahre Worte! Danke!

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wann kommt er endlich ...

... der eu-kommissionelle oder ministerielle informationsfolder mit anleitungen zum politisch korrekten flirt?!

Re: wann kommt er endlich ...

Ist nach Ansicht dieser politisch korrekten Typen nicht schon der Flirt an und für sich inkorrekt - das Eindringen in die Intimssphäre der Frau? Ich meine, wer will schon vor einem Flirt die Dame fragen, ob es ihr jetzt recht ist, wenn sie angebraten wird? Wer will, wie angeblich in den USA, vor Angst gar nicht mehr alleine mit einer Frau in den Aufzug steigen, weil sie ein Lächeln schon als sexuelle Belästigung deuten könnte? Natürlich gibt es - ich geb`s zu - auch Typen, die Signale des Desinteresses nicht verstehen können und/oder wollen.
Wahrscheinlich wird es bald Heirats- und Beziehungsanbahner geben, damit Mann und Frau nicht alleine im selben Raum sein müssen. Andere werden sich die Bereitschaft zum Flirt mit einem Formschreiben von der Frau mit Unterschrift bestätigen lassen. Wer jetzt lacht, sollte sich dieses Posting aufheben und in 10 Jahren wieder hervorkramen.

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Re: Re: wann kommt er endlich ...

tja, das ist ja die pointe an ideologien: sie immunisieren sich selbst: so kann der blick als unzulässige verletzung der intimsphäre gedeutet werden, der fehlende blick als mangel an wertschätzung - deswegen braucht es ja diese flyer und ratgeber, die einem sagen, was man(n) tun soll ;-)

Kriminalisierung der Zärtlichkeit


Ein beägstigendes Wortspiel, mit erschütternd wahrem Hintergrund.

Sind Sie sicher, dass Sie wissen, was ein Wortspiel ist?

Weil in "Kriminalisierung der Zärtlichkeit" ist kein Hauch eines solchen enthalten...

Re: Oberlehrer

waren und sind mir einGreuel. Verstanden?

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