Unter den vielen Unwörtern unserer Zeit gibt es eines, das mir besonders auf die Nerven geht. Es ist das Wort von der „Lebenslüge“. Ich lebe. Lüge ich? Ich lebe noch immer, obwohl meine Mutter eine Halbjüdin war. Ich lebe in Österreich. Vielleicht habe ich das gleiche Glück gehabt wie Peter Huemer, dessen Eltern, wie er beteuert, keine Nazis waren. Meine Eltern waren es ipso iure (ius: die Zeit nach den Nürnberger Gesetzen) gleichfalls nicht. Mein Land ist, höre ich immer wieder von Missgünstigen, Ausgeburt einer Lebenslüge. Aber ein Land lebt, oder nicht? Kann ein Land mit einer Lebenslüge leben?
Genug der pseudophilosophischen Gedanken. Peter Huemer (er hat „bisher nur Preise und Auszeichnungen für die Arbeit gekriegt“, wie er sagt) hat seinen ersten Orden bekommen. Das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Im Parlament ist es überreicht worden, verliehen hat es das Oberhaupt jenes Staates, den der Träger des ersten Ordens seines Lebens der Lebenslüge bezichtigt. Seine Dankesrede ist vor zwei Wochen im „Spectrum“ dieser Zeitung erschienen – nach wie vor der besten in Österreich. Ich weiß es. Ich war 20 Jahre lang ihr Chefredakteur.
Ich bin dem „Spectrum“ auch dankbar, dass neben dem Wortlaut der Huemer-Rede eine Philippika gegen Robert Menasse zu lesen war. Aber jeder Vergleich hinkt. Menasse hat sich mit der EU angelegt, Huemer mit der Republik, die ihn jetzt mit einem Ehrenkreuz bedachte. Daher wollen wir jetzt nicht vom aufrechten Österreicher Menasse reden, sondern vom aufrechten Österreicher Huemer. Und von seinem Patriotismus. Oder was er sich darunter vorstellt.
Ich sehe das, wie die längst bei uns eingebürgerte Floskel lautet– ich sehe das anders. Ich halte nichts von jenen Leuten, die auf die infamen Attacken des nun zum Glück abberufenen türkischen Botschafters gegen das Land, in dem er akkreditiert war, nichts anderes zu sagen wussten als: „Er hat ja recht.“ Ich halte nichts von jenen, die unausgesetzt die Nazi-Keule schleudern und nicht merken, dass sie ein Bumerang wird und ein blaues Auge die Folge ist. Ich halte nichts von jenen, die sich gegen die allgemeine Wehrpflicht auflehnen und nicht wissen oder wissen wollen, dass sie jene Integration ermöglicht, die anderswo und anderswie so gern beschworen wird.
Ich halte auch nichts von jenen, denen neuerdings die „Schlümpfe“ ein Graus sind, weil sie angeblich Nazi-Gedankengut verbreiten. Für mich hat Patriotismus begonnen, als ich nicht mehr fürchten musste, in der Schule diskriminiert zu werden. Mein Patriotismus wuchs, als die EU, die jetzt nichts gegen das Ungarn des Viktor Orbán hat, seinerzeit Österreich fast als Schimpfwort betrachtete. Und ich halte nichts davon, das „Herausschwindeln“ unseres Landes aus seiner „Nazi-Geschichte“ auch den Jungen immer wieder einzubläuen. Wir waren nicht dabei. Wirklich nicht.
Patriotismus, wie ich ihn verstehe, bedeutet noch immer, die historischen Worte zu befolgen, die Leopold Figl in seiner ersten Weihnachtsansprache 1945 ins Radiomikrofon gesprochen hat: „Glaubt an dieses Österreich!“ Aber wer war schon Figl? Die neuen Patrioten üben sich – jawohl, Herr Huemer – in Austromasochismus. Oder – jawohl, Herr Huemer – in der bei manchen so beliebten Österreich-Vernaderung. Das giftet mich. Auch wenn ich kein rot-weiß-rotes Abzeichen im Knopfloch trage.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2011)















