25.05.2012 23:47 | Meine Presse Merkliste 0

Meine Lebenslüge ist, dass ich an dieses Österreich glaube

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

Versuch einer Antwort auf den „Patriotismus“ des Peter Huemer, der „den ersten Orden seines Lebens“ überreicht bekam.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

 

Unter den vielen Unwörtern unserer Zeit gibt es eines, das mir besonders auf die Nerven geht. Es ist das Wort von der „Lebenslüge“. Ich lebe. Lüge ich? Ich lebe noch immer, obwohl meine Mutter eine Halbjüdin war. Ich lebe in Österreich. Vielleicht habe ich das gleiche Glück gehabt wie Peter Huemer, dessen Eltern, wie er beteuert, keine Nazis waren. Meine Eltern waren es ipso iure (ius: die Zeit nach den Nürnberger Gesetzen) gleichfalls nicht. Mein Land ist, höre ich immer wieder von Missgünstigen, Ausgeburt einer Lebenslüge. Aber ein Land lebt, oder nicht? Kann ein Land mit einer Lebenslüge leben?

Genug der pseudophilosophischen Gedanken. Peter Huemer (er hat „bisher nur Preise und Auszeichnungen für die Arbeit gekriegt“, wie er sagt) hat seinen ersten Orden bekommen. Das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Im Parlament ist es überreicht worden, verliehen hat es das Oberhaupt jenes Staates, den der Träger des ersten Ordens seines Lebens der Lebenslüge bezichtigt. Seine Dankesrede ist vor zwei Wochen im „Spectrum“ dieser Zeitung erschienen – nach wie vor der besten in Österreich. Ich weiß es. Ich war 20 Jahre lang ihr Chefredakteur.

Ich bin dem „Spectrum“ auch dankbar, dass neben dem Wortlaut der Huemer-Rede eine Philippika gegen Robert Menasse zu lesen war. Aber jeder Vergleich hinkt. Menasse hat sich mit der EU angelegt, Huemer mit der Republik, die ihn jetzt mit einem Ehrenkreuz bedachte. Daher wollen wir jetzt nicht vom aufrechten Österreicher Menasse reden, sondern vom aufrechten Österreicher Huemer. Und von seinem Patriotismus. Oder was er sich darunter vorstellt.


Ich sehe das, wie die längst bei uns eingebürgerte Floskel lautet– ich sehe das anders. Ich halte nichts von jenen Leuten, die auf die infamen Attacken des nun zum Glück abberufenen türkischen Botschafters gegen das Land, in dem er akkreditiert war, nichts anderes zu sagen wussten als: „Er hat ja recht.“ Ich halte nichts von jenen, die unausgesetzt die Nazi-Keule schleudern und nicht merken, dass sie ein Bumerang wird und ein blaues Auge die Folge ist. Ich halte nichts von jenen, die sich gegen die allgemeine Wehrpflicht auflehnen und nicht wissen oder wissen wollen, dass sie jene Integration ermöglicht, die anderswo und anderswie so gern beschworen wird.

Ich halte auch nichts von jenen, denen neuerdings die „Schlümpfe“ ein Graus sind, weil sie angeblich Nazi-Gedankengut verbreiten. Für mich hat Patriotismus begonnen, als ich nicht mehr fürchten musste, in der Schule diskriminiert zu werden. Mein Patriotismus wuchs, als die EU, die jetzt nichts gegen das Ungarn des Viktor Orbán hat, seinerzeit Österreich fast als Schimpfwort betrachtete. Und ich halte nichts davon, das „Herausschwindeln“ unseres Landes aus seiner „Nazi-Geschichte“ auch den Jungen immer wieder einzubläuen. Wir waren nicht dabei. Wirklich nicht.

Patriotismus, wie ich ihn verstehe, bedeutet noch immer, die historischen Worte zu befolgen, die Leopold Figl in seiner ersten Weihnachtsansprache 1945 ins Radiomikrofon gesprochen hat: „Glaubt an dieses Österreich!“ Aber wer war schon Figl? Die neuen Patrioten üben sich – jawohl, Herr Huemer – in Austromasochismus. Oder – jawohl, Herr Huemer – in der bei manchen so beliebten Österreich-Vernaderung. Das giftet mich. Auch wenn ich kein rot-weiß-rotes Abzeichen im Knopfloch trage.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

10 Kommentare
0 0

Ich will nicht mitlügen

Als wahrheitsliebender Mensch will ich nicht lügen, sondern nach der Wahrheit streben. Die Lüge ist verdorben von Anfang an und dessen Ende ist schlimmer wie deren Anfang.

Nur was soll ich nun tun? Mir ist bewusst, dass der Staatsvertrag Österreichs auf einer großen Lüge basiert, einer Lüge die aus einem Täter ein Opfer macht. Und niemand kann bestreiten, dass die Österreicher gerne Nazis waren.

Doch nun einfach den Pass wegschmeißen und zukünftig als Staatenloser durch die Welt gehen? Kann ich den was dafür das ich in Österreich geboren bin?

Nein, ich kann nichts dafür.
Und dennoch, Lügen und Betrügen ist falsch und so will ich danach trachten, dass die Wahrheit über die Lüge triumphiert.

Silvester
02.07.2011 14:25
0 0

Ach der Huemer!

Manchmal ging er mir auf die Nerven! Insbesondere als er die schriftstellernde Esoterikerin Singer als Seschör vorstellte!

cityfreak
30.06.2011 14:06
3 0

ABGANG!

Im Jahr 2011 allen Ernstes (?) in Bezug auf Österreichs "Nazi-Geschichte" öffentlich zu behaupten, "Wir waren nicht dabei. Wirklich nicht." grenzt - bei aller Nachsicht gegenüber einer abdankenden Generation, die ihr Selbstverständnis auf genau diesem Unsinn aufbaut - ans Kriminelle. Sie machen sich damit in meinen Augen mitschuldig am reaktionären geistigen Zustand dieses Landes. Aber was rede ich - Sie sind ja vermutlich auch noch stolz darauf.

Zeit für den wohlverdienten Ruhestand!

Gast: Gerne nur Gast
23.06.2011 19:26
0 14

Danke

Thomas Chorherr.

Gast: Robert Stangeler
21.06.2011 19:27
18 0

Ich halte nichts von Thomas Chorherr!


Antworten Gast: geoopster Heike
23.06.2011 19:51
5 0

*lacht*


2 0

Schlümpfe, NS-Gedankengut und so

"Ich halte auch nichts von jenen, denen neuerdings die „Schlümpfe“ ein Graus sind, weil sie angeblich Nazi-Gedankengut verbreiten."

Lieber Herr Chorherr, ich hingegen halte nichts von Leuten, die von "jenen" nichts halten.
Denn mag es noch so lange her sein -und scheinbar ist es für manchen schon so lange her, dass die Erinnerung nicht mehr plastisch genug ist-, ich für meinen Teil wehre den Anfängen.

Wenn Sie das nicht müssen, nein, sogar noch die Bildung der Jungend diesbezüglich als "Einbläuen" diffamieren, dann macht mir Ihre Art des Patriotismus Sorgen!

1 0

Werter herr, Sie sind mitnichten "unangepaßt", Sie sind voll Mainstream.

Also geben Sie nicht so an :-)

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
21.06.2011 16:37
0 0

Re: Werter herr, Sie sind mitnichten

sg frau augustin!
völlig richtig.
"mainstream" in den bobo- und gutmensch-pc-zirkeln, die sich für den nabel der welt halten.

mfg
s.

p.s. danke an herrn corherr für die würdige antwort auf herrn huemers austromasochismus.

0 0

Re: Werter herr, Sie sind mitnichten

Sollte natürlich "Herr" heißen.

Mehr Merk´s Wien:

Top-News