Der Club 2 am letzten Mittwoch war ein Scherbengericht. Angeklagt war, wie so oft – und vielfach nicht zu Recht – die Finanzministerin. Sie hat sich eines ideologischen Vergehens schuldig gemacht und ist deswegen bereits in den letzten zwei Wochen weidlich gerügt worden. Sogar ihren sofortigen Rücktritt forderten manche Heißsporne männlichen und weiblichen Geschlechts, weil sie unüberlegt, vielleicht sogar unsinnig die permanenten heftigen Angriffe auf Banker mit Judenverfolgungen unter dem NS-Regime gleichgesetzt hatte. Sie hat damit nicht nur jene provoziert, die unausgesetzt die Faschisten- und Antisemitenkeule schwingen. Sie hat verglichen, was nicht verglichen werden darf.
Ein anderes Ereignis hat sich jüngst abgespielt („gespielt“ sogar im buchstäblichen Sinn), das gleichfalls zum Thema „unbewältigte Vergangenheit“ passt. In der Fernsehsendung „Die große Chance“ hat ein Ahnungsloser eine Weise musiziert, die, wie er dann sagte, ein altes Volkslied gewesen sei. Peinlich nur, dass eine ganz ähnliche Melodie im Dritten Reich zum Horst-Wessel-Lied („Die Fahne hoch!“) umgewidmet worden war. Wie groß der Kreis ist, der sich noch an besagtes Nazi-Lied erinnern kann, ist unbeantwortet geblieben. Er ist, scheint mir, klein. Dennoch: Die Aufregung war groß. Ja darf man denn das? Schon Kaiser Ferdinand hat anno 1848 diese Frage gestellt, als man ihm mitteilte, dass in der Vorstadt Revolutionäre unterwegs seien. „Ja, derfens denn des?“, soll er gesagt haben.
Was man darf und was nicht, ist neuerdings brennend aktuell. Ja, derf die Schotter-Mitzi, wie Maria Fekter von Missgünstigen boshaft genannt wird, die Hetze gegen die reichen Banken der Hetze gegen die reichen Juden gegenüberstellen? Sie darf nicht. Solches lässt nicht zuletzt den Anstand vermissen, dessen Fehlen Josef Pröll in seiner kurzen Abschiedsrede bedauernd festgestellt hat. Anstand: Ein Begriff, der aus dem Wörterbuch längst gestrichen worden ist. Aber wie singt Prinz Orlofsky in der „Fledermaus“? „Chacun à son goût“.
Ja, derfens denn des? In diesem Land wird heute das „G'hört sich“ unterschiedlich gemessen. Es gibt ein Verbotsgesetz. Ein politisches. Es gibt indes keine Norm, die Anständigkeit vorschreibt. Sie scheint unnötig. Der ekelhafteste Roman seit vielen Jahren hat Charlotte Roche, die ihre „Feuchtgebiete“ explizit beschrieb, viel Geld gebracht. Ihre „Schoßgebete“ werden gleichfalls zu Hunderttausenden verkauft werden. Im „Rabenhof“ pries Robert Palfrader unter dem Titel „Porno“ sein Vergnügen an der Masturbation. Mit dabei: Kulturstadtrat Mailath-Pokorny. Der ORF brachte im „Radio für Zeitgenossen“ eine Sendung über „Scheiße, Dreck und Nestbeschmutzer“. O-Ton im Kultursender! Ich darf wieder einmal Goethe mutieren: Das Unaussprechliche, hier wird's Ereignis.
Manchmal erinnert mich Ö1 an unsere Spiele in der Sandkiste: „Sag feig!“ Wer mangels Scham das Unverschämte wagt, gewinnt Reichweite. Man darf es. Die Passagiere haben offenbar Gleichmut gewahrt, als Gerard Depardieu im Flugzeug zwischen den Sitzreihen coram publico sein Wasser ließ. Und die Welt hat gelacht. Als seinerzeit ein Mitarbeiter des Unterrichtsministers in einem Spottgedicht über Karajan schrieb, er wasche „sich den Oarsch im Goldlavur – gepriesen sei die Hochkultur“, herrschte noch allgemeine Aufregung. Aber das ist lange her. Auch die Hochkultur hat heute einiges an Höhe verloren.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2011)















