Die Szene wurde ausführlich beschrieben und ist dann sofort wieder aus den Gazetten verschwunden. Lassen Sie mich noch einmal berichten: Da hat der ÖAMTC einen Unfall „gestellt“; ein Autowrack lag neben der Fahrbahn und der Lenker, sichtlich verletzt und auf Hilfe wartend, saß am Straßenrand. Es war ein Experiment – und es hat zum erwarteten Resultat geführt. „Wenig Zivilcourage am Unfallort“, titelte eine Zeitung. Denn von 246 Fahrzeuglenkern hielten nur 38 an. Die anderen schauten zu oder weg – und gaben Gas.
Wenig Zivilcourage, in der Tat. Aber braucht es diese wirklich, um Erste Hilfe zu leisten? Und was ist sie denn überhaupt, diese Art von Courage? Hat sie wirklich mit Mut zu tun? Mag sein, dass von den 208 Autofahrern, die weiterfuhren, etliche zur Kategorie der Mutbürger gehörten oder sich jedenfalls als solche fühlten. Mutbürger, die Steigerungsform der Wutbürger. Von beiden hört man viel in diesen Tagen, manches mutet an wie Geschwätz und Gewäsch. „Die Zeit“, die angesehene linksliberale deutsche Wochenzeitung, hat das Unbehagen, das Aufbegehren der prominenten betagten Ösis ebenso ausführlich wie leicht spöttisch vermerkt. Oder war es als Satire gemeint, dass eine renommierte, diesbezüglich engagierte Aktivistin frei nach Bert Brecht als „Oma Courage“ bezeichnet wurde?
Es bleibt in der Tat die Frage, warum die Fahnenträger des „Wiener Wutbürgertums“ (O-Ton „Die Zeit“) bis zum verdienten Ruhestand gewartet haben, um von der Wut zum Mut zu schreiten, das erwähnte allgemeine Unbehagen, das zweifellos vorhanden ist, in Aufbegehren zu verwandeln. Allein, vom Biertisch zur Demo ist ein weiter Weg, auch geistig. Als „saturiertes Protestbürgertum“ hat man jene Kaffeehaus-Revolutionäre bezeichnet. Völlig zu Unrecht, wie ich meine. Aber ist da nicht ein Unterschied zwischen Wut und Zorn zu verzeichnen? Wobei zu vermerken ist, dass Zorn als eine der sieben Hauptsünden (früher sagte man „Todsünden“) gilt. Wut ist, wie es scheint, ein permanent gewordener Seelenzustand, der sogar krank machen kann. Zorn hinwieder ist kurz dauernde Reaktion über eine Beeinträchtigung des geistigen oder körperlichen Wohlbefindens. Er manifestiert sich nicht zuletzt im 11.Gebot: Du sollst Dir nichts gefallen lassen.
Das ist jene Art von Aufbegehren, jene Reaktion, die unsere Gesellschaft, vorzugsweise die Wiener, vermissen lässt. Und die nicht eines Kaffeehauses bedarf, um wirksam zu werden. Ich gebe zu: Ich werde leicht (und oft) zornig. Ich ärgere mich etwa darüber, dass die Metaller 5,5Prozent Lohnerhöhung fordern, was in meinen Augen eine Frechheit ist. Ich ärgere mich, wenn das Radio als „Schwerpunkt“ täglich über das Thema Island berichtet, „ad nauseam“, wie die Lateiner sagten. Bis zur Übelkeit. Ich ärgere mich recht oft über das „Café am Sonntag“ oder auch über den gelegentlich dummen „Leporello“. Und ich ärgere mich vor allem über die Meldungsauswahl der Nachrichten, wo beispielsweise über den „Gedenktag“ der weidlich publizierten versuchten Abschiebung von Zwillingen berichtet wurde.
„Warum tun Sie nichts?“, werden Sie fragen. Sie haben recht. Wahrscheinlich bin auch ich vom Zornbinkel zum Wutbürger mutiert. Wahrscheinlich bin auch ich nur ein Opa Courage, der nichts unternimmt. Aber ich hätte angehalten, wenn ich einen Verletzten gesehen hätte. Glauben Sie mir: Ich habe es schon öfter getan.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2011)















