18.05.2013 12:23 Merkliste 0

Iphigenie, Bielohlawek, die Lese-woche und das Volksbegehren

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

„Ich bin ein Bildungsbürger“ schrieb ich einmal ohne Scheu in dieser Zeitung – und hege kulturphilosophische Gedanken.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

 

Jetzt heißt es also: lesen, lesen, lesen. Es gibt ab heute sogar eine „Lesefestwoche“. Und ab Donnerstag findet, wie alljährlich, auf dem Messegelände im Prater die Wiener Internationale Buchmesse statt. Lesen, lesen, lesen. Bücher sind gefragt, diese paar Tage jedenfalls. Sie stellen – oft habe ich es schon geschrieben – auch einen beliebten Hintergrund für Fernsehinterviews dar. Sie strahlen Bildung aus. Nein, über das derzeit im Gange befindliche Volksbegehren will ich erst später sprechen. Bleiben wir im Augenblick bei der Aura einer gefüllten Bibliothek. Ein Magazin hat kürzlich Farbfotos von den Arbeitszimmern der heimischen Museumsdirektoren gebracht. Fast alle ließen sich vor Bücherregalen ablichten, und das größte Foto zeigte die Chefin des Belvedere. Dass kein einziges Buch zu sehen war, bewies offenbar ihre Ausnahmestellung. Sie wollte wahrscheinlich keine Bildungsbürgerin sein.

Aber: „Ich bin ein Bildungsbürger“, titelte ich einmal in dieser Zeitung. Ich scheute mich nicht. Ich bin ein Bürger, und ich hoffe halbwegs gebildet zu sein. Und da bin ich schon beim Volksbegehren. Das „Profil“, gewiss nicht rechts belastet, nennt es, einen NGO-Vertreter zitierend, „von Anfang an auf den roten Androsch zugeschnitten“. Es „kommt nicht rüber, dass dies ein Aufschrei der Bürger sein soll“. Mag sein. Einiges (allzu vieles?) ist unklar. Die Definition des Begriffes Bildung etwa. Muss man wirklich ein Bildungsbürger sein, um für das Vollgymnasium zu kämpfen?


Weniger Fremdsprachen und dafür mehr Wirtschaftswissen forderte jüngst einer, der offenbar als Fachmann für den neuen Bildungsbegriff gelten will. Recht so. Außer der „Lingua franca“, dem Englischen, brauchen wir nichts mehr. Deutsch? Goethe ist längst obsolet. Iphigenie hat auf Tauris seufzend bekannt: „Und am Ufer steh ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend.“ So unaktuell war der Dichterfürst schon lange nicht. Oder aktuell – wie man's nimmt.

Haben wir uns eigentlich schon einmal überlegt, dass ausgerechnet jener Teil von Europa, der in der Vergangenheit als Inbegriff unserer Kultur galt, heute den Kontinent an den Rand des Ruins treibt, will man jedenfalls den Medien glauben? Athen, die Wiege der Philosophie. Rom, der Inbegriff des Rechts. Portugal, Ausgangspunkt der Entdeckungen. Spanien, das Europas älteste Universitäten beherbergt. Es ist ein langer Weg von Aristoteles zu Papandreou, von Oktavian zu Berlusconi.

Wirre Gedanken vielleicht. Skurrile möglicherweise. Sie gehen mir durch den Kopf, wenn ich, der ich das Gymnasium mit Zähnen und Klauen verteidige, an das Volksbegehren denke. Es sei, sagen viele, ideologisch belastet. Allein, es gibt andere, die Industriellenvereinigung etwa, die nicht den Weg, sondern das ihrer Meinung nach richtige Ziel im Auge haben. Die in einem TV-„Kulturbeitrag“ ohne Widerspruch zu hören glaubten, wie der Regisseur des radikal gekürzten Shakespear'schen „Romeo und Julia“-Dramas meinte, das Publikum gehe ihm „am Arsch vorbei“. Das erinnert mich an den legendären k.k. Abgeordneten Bielohlawek, von dessen vielen angeblichen Aussprüchen einer besonders oft zitiert wird: „Des wichtigste is de Büdung – auf alles andere wird g'schissn.“

Ich neige dazu, mich mit dem ersten Teil seiner Bemerkung zu identifizieren. Deshalb werde ich den Ausgang des Bildungs-Volksbegehrens mit Spannung erwarten.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

Wirre Gedanken vielleicht. Skurrile möglicherweise. Sie gehen mir durch den Kopf,

... so ist es!

Mehr Merk´s Wien:

Top-News