Sie war lesenswert, die „quergeschriebene“ Kolumne, die jüngst – Titel: „Ein paar Dinge könnten die Eliten vom gemeinen Fernsehvolk lernen“ – in dieser Zeitung erschien. Autorin war Sibylle Hamann (nicht zu verwechseln mit der klugen Historikerin und Biografin Brigitte Hamann), und sie schrieb, wie die Amerikaner sagen, „straight to the point“. Sie hat die erwähnten sogenannten Eliten aufgespießt, die zu einem nicht geringen Teil die Leserschaft der – ich darf sagen: unserer – „Presse“ ausmachen. Sie sind pfui, diese Menschen, vorzugsweise die älteren. Zitat: „Bisher schaffen es die meinungsbildenden 40- bis 60-Jährigen erfolgreich, alle Jüngeren als mutlose, vereinsamte, gelangweilte, verfettete, computerspielfixierte, luxusverwöhnte Konsumidioten darzustellen, denen Turnen, Singen oder sonstige kreative Aktivitäten herzlich egal seien.“ G'sagt hab' ich's euch.
Aber die Kollegin doppelt noch drauf: „Wer hätte gedacht, dass sich die 15-Jährigen dieses Landes mit einer 35-jährigen Lesbe mit Streichholzfrisur identifizieren würden“? Sie ist Siegerin der offenbar meinungsbildenden Fernsehsendung „Die große Chance“ gewesen und konnte daher die neuerdings so aktuelle Frage „Was war mei Leistung?“ kurz beantworten: „Fragt's die 15-Jährigen!“
Diese werden zwar erst mit 16 wählen dürfen, aber die jüngsten Statistiken sind aufschlussreich. Die Jugend bewundert laut Hamann zwar die „Chance“-Gewinnerin (die „sehr echt, sehr nah“ am Leben ist), will aber mit der Politik nichts zu tun haben. Sie ist, wie gleichfalls in dieser Zeitung zu lesen war, über die Politik „verdrossen“. Nur 13Prozent der 15- bis 30-Jährigen vertrauen ihr, und demnach auch ihren Exponenten.
Mag sein, dass dies einer der Gründe für den Beinahe-Flop des Bildungs-Volksbegehrens ist. Mag aber auch sein, dass den Jungen auf die Nerven geht, was von manchen boshaft die „Muppetisierung“ der Innenpolitik genannt wurde: Zwischenrufe von Weißhaarigen aus der Loge. Mag schließlich sein, dass die unter 30-Jährigen das heute so aktuelle Wut- und Mutgeschwätz nicht mehr hören können. Was nützt es ihnen, sich mit der Hauptsünde des Zorns zu belasten, wenn die Republik über den umstrittensten Regierungschef seit 1945 verfügt?
Umstrittener ist nur der Verteidigungsminister, der längst zum makabren politischen Scherz wurde. Aber: „Mir lassen uns kan ausseschiaßn“, sagte mir vor vielen Jahren ein SP-Spitzenpolitiker. Vielleicht ist dies der Grund, warum der Wehrsprecher der ÖVP im Parlament Darabos als rücktrittsreif bezeichnet hat, aber seine Partei dann doch gegen den dieser Forderung entsprechenden Antrag der Opposition stimmte.
Da soll sich noch einer auskennen! Aber was tut's, da die meinungsbildenden, politisch interessierten Älteren (noch einmal: Elite pfui!) laut Hamann nicht zurechnungsfähig sind. Sie könnten sich, wie ich lese, „an der unerschrockenen Masse der unpolitischen Kids ein Beispiel nehmen“. Sie nehmen sich hoffentlich kein Beispiel an der Dummheit, die in diesen Tage allenthalben grassiert. Wenn schon Wut, dann gegen diese. Wenn schon Mut, dann jener, der die Dummheit anprangert.
Ich schlage ein entsprechendes Volksbegehren vor. Aber ich fürchte, es würde im Sand verlaufen. Wer gegen die Dummheit ist, hat derzeit keine „große Chance“.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2011)















