20.05.2013 09:26 Merkliste 0

Gesucht: Ein Anstandskodex, aber nicht nur für die Politik

THOMAS CHORHERR (Die Presse)

Wäre der Krampus aktuell, hätte er viel zu tun – aber vielleicht weiß er nicht, was man unter „Zaster“ und „Lulu“ versteht.

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Nein, es war kein Fauxpas, der da jüngst in der ZiB1 den Fernsehteilnehmern vorgeführt wurde. In der ZiB2 fühlte man aber dann doch Erklärungsbedarf: Es sei, erfuhr man, protokollarisch nicht falsch gewesen, als Bundespräsident Fischer, zu Besuch bei der Queen im Buckingham-Palast, auf einem Fauteuil Platz nahm, noch bevor Elizabeth II. sich setzte. Offenbar haben die Leute nicht gesehen, dass die Königin den Gast mit einer Handbewegung dazu aufgefordert hatte. Heinz Fischer hat sich zudem ja als überzeugter Republikaner deklariert, vor der Kamera beteuernd, dass er natürlich nichts gegen Monarchien habe.

Der Bundespräsident muss sich auch nicht betroffen fühlen, wenn Otmar Karas und Johannes Voggenhuber, wie ich unlängst in dieser Zeitung las, sich für einen „PolitikAnstandKodex“, kurz PAK, stark machen. Zwar geht es ihnen offenbar vor allem um die Unvereinbarkeit von Parteispenden an Politiker und um „bestimmte berufliche Tätigkeiten“, aber auch allgemein um „mehr Anstand“ in der Politik – Voggenhuber meinte sogar, die Republik sei „verludert“.

Mehr Anstand? Der Begriff ist vieldeutig. „Schicklichkeit“ kann er bedeuten, Stil, Geschmack und, wenn man will, auch Manieren. PAK hieße dann auch, einen Benimmkodex für Politiker und, notabene, auch Politikerinnen zu entwerfen. Gedanken am Krampus-Tag: Eine junge ÖVP-Abgeordnete hat seinerzeit vorgeschlagen, die Parlamentarier einer IQ-Prüfung zu unterziehen. Karas und Voggenhuber haben Recht: Warum nicht auch das prüfen, was man ganz allgemein als „G'hört sich“ bezeichnen könnte? Thomas Schäfer-Elmayer, umtriebiger Ersatz-Knigge, hätte eine zusätzliche Nebenbeschäftigung.


Mag sein, dass er dann auch die Wortwahl rügen würde. Gewiss, die neue ÖAAB-Vorsitzende Mikl-Leitner ist ob ihres „Her mit dem Zaster“-Sagers zu Recht weidlich gebeutelt worden. Und auch Frau Vassilakou hat als geborene Griechin ein Wort gebraucht, das ich nur im Zusammenhang mit meinem jüngsten Enkel verwenden würde, solange er noch in die Windeln macht: „Lulu“.

Aber was soll's – PAK ist noch nicht in Mode, Logopädie wird nicht einmal in der Politik von der Krankenkasse bezahlt, und wahrer Anstand hat viele Facetten. Er zeuge „von überlegter Zurückhaltung und vernünftiger Selbstbeherrschung, dem Gegenteil von zügelloser Vulgarität“, behauptet Wikipedia. „Dabei sind hinsichtlich des äußeren – freilich durch die innere Einstellung gesteuerten – Verhaltens schlicht und einfach gute Umgangsformen gemeint.“ Wikipedia ist, wie ich weiß, keineswegs unfehlbar. In diesem Fall freilich ist jeder Irrtum ausgeschlossen.

Auch dort, wo abseits der Politik der Anstand, vor allem aber der gute Geschmack verletzt wird. Ein Salzburger Bierbrauer hat rund um den Todestag Mozarts ein „Bockbier“ hergestellt, das den Namen „Dies Irae“ trägt, bewusst dem Requiem nachempfunden. Die Flaschen sind schwarz und zeigen ein weißes Grabkreuz. Im Journal der „Wiener Zeitung“ las ich das Rezept: 24 Grad Stammwürze, 10,9 Vol% Alkohol, 62 Bittereinheiten. Das Bock sollte man aus einem Wein- oder Aperitifglas zu sich nehmen und wie Rotwein genießen. Nicht wie ein erfrischendes Bier runterschütten!

Dies Irae? Wutbürger sollten sich auch mit Anstandsfragen und Geschmacklosigkeiten befassen. Vielleicht wären sie erfolgreicher.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2011)

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2 Kommentare

ich habe jetzt versucht

... den ganzen wust von hinten nach vorne zu lesen - ergebnis: das ganze kam mir beinahe intelligenter vor (was aber andererseits kein wunder ist, denn die wahrscheinlichkeit, dass etwas so ist, ist schon sehr sehr hoch ....)

Gast: Crescence
05.12.2011 11:55
2 0

Manieren - oje!

Selber schon alt, scheine ich meist die Einzige zu sein, die noch Älteren respektvoll und freundlich begegnet. Außerhalb des eigenen sozialen Kreises scheinen Manieren einfach nicht überlebt zu haben.

Und was den "Zaster" anbelangt: die Dame klingt so, wie sie aufgebrezelt ist. Die sozialdemokratischen Politikerinnen haben schon seit langem stilistisch aufgeholt und sind urban und passend gekleidet, die "bürgerlichen" hingegen prunken
in üppigem Kitsch, gern esoterisch angehaucht, und zeigen wo überall die knusprigen Schweinebraten sich angesetzt haben. Bürgertum geht schon lang nicht mehr in die Politik.

Diese neue Biersorte sollte boykottiert werden, aber darauf hoffen wir wohl vergeblich.

Und zum Schluß: bitte nix gegen Frau Dr. Rohrer und auch nicht gegen die Wutbürger!

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