Es gibt Leute, die glauben, was der Maya-Kalender erzählt. Dass am 21.Dezember 2012, also in einem Jahr, die Welt untergeht. Dass der „Zyklus der gegenwärtigen Schöpfung“ endet. Dass sich jenes Armageddon ereignet, das bereits Johannes (der Einsiedler, nicht der Apostel) in seiner Geheimen Offenbarung beschreibt. In der Tat: Es gibt Leute, die das für möglich halten.
Sie haben Angst. Ein Unikum der deutschen Sprache. Er ist in keinem anderen Idiom zu finden, dieser Begriff. Angst – ein Germanismus? Im Englischen wird er als Fremdwort verwendet, weil das Wort „fear“ etwas in Nuancen anderes beschreibt. „A case of angst“ liest man immer wieder, und ich habe solches auch immer wieder zitiert. Ist Angst nur den Deutschsprechenden eigen?
Darüber zu meditieren, wenn schon nicht zu räsonieren, bieten gerade die letzten Tage vor Weihnachten Zeit. Season's Greetings, gewissermaßen. Offen gesagt: Ich halte nichts von Angst. Als Kind im Luftschutzkeller, wenn rundum die Bomben fielen – ja, da habe ich mich gefürchtet. Aber jetzt? Krise hin oder her – ich bin ein Nonkonformist. Nein, ich will nicht im Mainstream der veröffentlichten Meinung ertrinken. Ich will auch nicht vom Medienstrudel dieses Stroms hinabgezogen werden in den Bereich des vermeintlich Ausweglosen.
„A case of angst“, ausgerechnet vor Weihnachten? Gewiss, Lukas berichtet, dass die Hirten auf dem Felde erst vom Engel beruhigt werden mussten, denn „sie fürchteten sich sehr“, als sie vom „Glanz des Herrn“ umstrahlt wurden. Aber die Tage, in denen Christen auf der ganzen Welt die Geburt des Gottessohns feiern, ist anno 2011 allen negativen Meldungen und Prophezeiungen zum Trotz eher Anlass, wieder einmal Medienkritik zu üben. Ist wirklich nur eine schlechte Nachricht eine gute Nachricht? Oder noch deutlicher gesagt: Ist nur eine schlechte Nachricht wirklich eine Nachricht?
Gewiss ist Nervenkitzel nötig, um demokratiepolitische Schläfrigkeit zu vermeiden. Und solange sich der Horror auf der Leinwand abspielt, etwa in Gestalt des jüngsten Carpenter-Films, und nicht in den Bankenfoyers, ist nichts dagegen einzuwenden. Allein, der Gruselspaß endet dort, wo sich die Gänsehaut zur Hysterie entwickelt. Diesbezüglich ist in Österreich Gott sei Dank eine Spur von Widerstandskraft festzustellen. Die Zahl der Autoverkäufe etwa ist im zu Ende gehenden Jahr beträchtlich gestiegen. Es gab um acht Prozent mehr Neuzulassungen, weil wieder mehr Firmenwagen angeschafft wurden. Also doch Vertrauen in die Zukunft?
Dazu passen auch die Ergebnisse von Umfragen unter jungen Menschen in diesem Land, die fast eine Rückkehr zu den – Pardon! – „alten Werten“ zu beweisen scheinen. Die Familie gewinnt offenbar wieder an Bedeutung. Die Absicht, eine solche zu gründen, zeugt nicht gerade von Zukunftsangst. Aber im Mediengewerbe sind die Alarmsirenen leichter zu betätigen als die Entwarnungssignale. Wo etwa sind die vielen Seuchen geblieben, die seinerzeit für Aufregung gesorgt haben – vom Rinderwahnsinn bis zur Vogelgrippe? Hunderttausende Gesichtsmasken suchen jetzt Käufer. Und die Pharmaindustrie jubelte.
Deshalb verspreche ich Ihnen, dass die Welt auch nach dem 21.Dezember nächsten Jahres weiter existieren wird. Und wenn ich ganz leise „Hoffentlich!“ hinzufüge, ist dies nur darauf zurückzuführen, dass ich mein Leben lang mit Nachrichten zu tun hatte.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2011)















