Jetzt wissen wir es also. 57Prozent der Österreicher und Österreicherinnen blicken mit Bangen auf das, was in den nächsten zwölf Monaten in unserem Land passieren wird. Gewiss, es mag stimmen, dass man keinem Umfrageergebnis glauben soll, das man nicht selbst gefälscht hat. Diesfalls tröste ich mich mit dem Bewusstsein, dass immerhin 43Prozent, unter ihnen die meisten Maturanten, Studenten und Akademiker, ihren Optimismus bewahrt haben. Heißt dies am Ende, dass die so oft zitierten „bildungsferneren“ Schichten besonders pessimistisch sind?
Alexander Wrabetz, seines Zeichens Generaldirektor des ORF, gehört nicht zu ihnen. Dennoch hat er allen Grund, es mit jenen zu halten, die sich Sorgen machen. Wenn das Geplärre der Wutbürger berechtigt ist, dann über das, was sich im Staatsfunk in diesen Tagen ereignet. Wenn Ausbrüche des Volkszorns, wie sie in den USA gewütet haben, ansteckend sein könnten, dann dort, wo es höchste Zeit wird, „Occupy Küniglberg!“ zu rufen. Ich stehe nicht an zu bekennen, dass ich dem ORF einiges abzubitten habe. Vergessen wir für einen Augenblick das Programm. Loben wir die Leute, die es machen. Sie haben Wut verspürt und Mut bewiesen.
Es ist müßig, noch einmal auf die Unverfrorenheit hinzuweisen, mit der die Besetzung der Schlüsselposition eines Büroleiters der Generaldirektion namentlich bekannt gegeben wurde, ehe die dem Rundfunkgesetz entsprechende Ausschreibung erfolgte. „Schamlos“ hieß es in einem Kommentar der „Standard“-Chefredakteurin. „SPÖ-Schnöselapparatschik“ hat Michael Fleischhacker treffend den Nominierten genannt, und „gelackten Parteikindersoldat“.
In der Tat: Das gelverstärkte Haar des 25-Jährigen zeigt, dass er jedenfalls seiner Frisur jene Aufmerksamkeit schenkt, die Wrabetz andernorts von ihm erwartet – sofern Niko Pelinka, Sohn des letzten „AZ“-Chefredakteurs, Neffe des immer wieder vom ORF befragten Politologen Anton Pelinka und Liebkind der ebenso jugendlichen SP-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas (deren Onkel gleichfalls roter Bundesgeschäftsführer war), sofern also der Schnöselapparatschik das erfüllt, was Wrabetz, Faymann und Genossen von ihm erwarten: den Rotfunk abzusichern. Der auf SP-Wunsch eingesetzte TV-Informationschef Dittlbacher hat es offenbar nicht zur Zufriedenheit aller vollbringen können.
Dass bereits in jenen Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens, die erstmals Pelinkas Nominierung meldeten, diese als „unternehmensschädlich“ bezeichnet wurde, hat mich gewundert. Die traun sich was! Seither ist immer deutlicher geworden, dass dieser bisher ärgste Fehltritt des Generaldirektors (bliebe er es noch, in irgendeiner Rundfunkanstalt der großen, weiten Welt?) Wrabetz vor allem hausintern ins Out manövriert hat. Auch auf dem politischen Markt, wo derzeit der Anstand auf gesteigerte Nachfrage stößt? Freilich wird dort auch die Chuzpe emsig gehandelt. In der ORF-Chefetage weiß man sie zu werten.
Was auch für bemerkenswerte Stimmen im heimischen Blätterwald gilt. Fellners „Österreich“ hat Pelinka in Schutz genommen. Und auch die (regierungseigene) „Wiener Zeitung“ fand in der Nominierung nichts Außergewöhnliches. Dass sie freilich die Ausschreibung des Postens erst nach der Bekanntgabe der Besetzung veröffentlichte, hatte in der Tat, wie der ORF-Sprecher zugab, eine „schiefe Optik“. Auch wenn man rote Brillen trägt. Und was jetzt?
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2012)















