Der Sündenkatalog für 2012: Bitte die Dummheit nicht vergessen!

GASTKOLUMNE VON THOMAS CHORHERR (Die Presse)

Schlag nach im Katechismus – nicht nur der Zorn fällt einem da ein, sondern Habsucht, Neid, Unmäßigkeit und mangelnde Scham.

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Die Kirchenaustritte sind weniger geworden. Um 32Prozent gar. 58.603Gläubige (nicht alle sind es gewesen, fürwahr) haben sich im Vorjahr verabschiedet. Aber die Gotteshäuser sind nicht halb leer, sondern immer noch halb voll, sagen die Hoffnungsfrohen. Die Erwartungen, die von den Verbliebenen an das neue Jahr, das zwölfte des dritten Jahrtausends, gestellt werden, sind groß, und die Gewissenserforschung, was 2011 betrifft, war relativ intensiv. Für jene, die sich für Politik interessieren, ist es ein sündiges Jahr gewesen. 2012 wird umso mehr eines sein. Die politischen Hauptsünden sind wohlfeil.

Da ist der Neid. Bei Raimund ist er im Märchenstück, das den Bauern als Millionär schildert, gelb gekleidet. Man könnte ihn auch rot-grün anziehen. Die Reichen sollen zahlen! Wer reich ist, bestimmt die Volksmeinung. Oder die Habsucht – eine andere der Hauptsünden im Katechismus, die man früher Todsünden genannt hat. In der EU rangiert Österreich, wie man hört, in puncto Korruption relativ weit oben. Rumänien und Bulgarien wollen wir da außer Acht lassen.

Gehen wir weiter im Sündenkatalog. Unkeuschheit? Man kann auch Schamgefühl sagen oder Anstand. Und da muss nicht erst die Sprache als Beispiel dienen. Unmäßigkeit? Die Pharmaindustrie möcht' schön schauen, wenn sie ihre vielfachen Mittel gegen Adipositas, diese gesundheitliche Massengefährdung durch Verfettung, nicht an den Mann und vor allem an die Frau bringen könnte.


Trägheit? Breiten wir den Schleier irregulären Verzeihens über die Bemühungen, sich gegen eine Hinaufsetzung des Pensionsalters zu wehren. Der Ruhestand infolge angeblicher Arbeitsunfähigkeit wird, liest man, im Durchschnitt schon mit 50 angetreten. Sind da wirklich die Mediziner schuld? Vergessen wir aber auch die Hauptsünde des Stolzes nicht. Eines der Worte, mit denen am häufigsten politischer Missbrauch getrieben wird, ist Demut. Ist wirklich ernsthaft über die Fernsehübertragung parlamentarischer Untersuchungsausschüsse diskutiert worden? Von jenen gewiss, die eine Show schätzen. Denkt da jemand an Peter Pilz?

Ich bitte um Entschuldigung: Fast hätte ich die Hauptsünde des Zorns vergessen, neuerdings auch als Wut gängiges politisches Vokabel. Ich halte es für Stammtischgeschwätz – freilich mit Ausnahmen. Die wichtigste ist der Rot-Lauf des ORF. Dass es sich, wie ein unsäglicher angeblicher „Jugendforscher“ im „Standard“ in einem Gastkommentar meinte, in der Causa Niko Pelinka um eine Verschwörung der Gerontokraten handle, ist ebenso abwegig wie die Unterstellung eines (ausgerechnet!) Publizistikprofessors, die Ablehnung des gesetzwidrig nominierten Wrabetz-Büroleiters durchdie Medien sei demokratiepolitisch gefährlich.

Den sieben Hauptsünden ist freilich eine achte hinzuzufügen, die es im Katechismus nicht gibt: die Dummheit. Da wird die Ex-Kommunistin Elfriede Jelinek als Pseudo-Faschistin attackiert und der rote Niko-Vater Peter (der gemeinsam mit Onkel Anton den Familienspross nach Gebühr verteidigte) von den roten Kinderfreunden gerügt. Er hatte ja seinem Sohn eine „Watschen“ angekündigt, sollte dieser seinen neuen Job politisch missbrauchen.

Aber vielleicht bekommt er ihn nicht. Es wäre besser – für den ORF und dessen Mitarbeiter. Und auch für alle, die Unverfrorenheit hassen. Und gegen die Sünde der Dummheit sind.


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)

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