Aussitzen. Outsitting. Ein gängiger Ausdruck, längst zum Begriff geworden. In der Politik vor allem. Auch die Amerikaner wissen, was man darunter versteht. Barak Obama wird, so viel ist gewiss, das letzte Jahr seiner Präsidentschaft aussitzen. Seine „State of the Union“-Botschaft hat sich aus guten Gründen hauptsächlich mit wirtschaftlichen Fragen befasst. Der Präsident weiß, dass er diese Probleme angehen und nach Möglichkeit auch bewältigen muss, wenn er wiedergewählt werden will.
Er hat seine (selbstverständliche) Kandidatur relativ zeitig bekannt gegeben. Fast gleichzeitig mit Alexander Wrabetz. Warum fällt mir beim Begriff Aussitzen gerade der ORF-Generaldirektor ein? Weil er, als er seine nochmalige Kandidatur ankündigte, vollmundig kund und zu wissen tat, auch Obama habe ja relativ früh gesagt, dass er wieder antreten werde? Als Präsident des noch immer mächtigsten Staates der Welt. Und was Obama kann, kann ich auch, dürfte Wrabetz gedacht haben. Kann? Besser: darf.
Jetzt darf auch Wrabetz „aussitzen“. Er wird dazu imstande sein. Die Menschen und vor allem auch die Medien haben ein kurzes Gedächtnis. Dass seine Autorität durch die Causa Niko Pelinka „nach innen und außen irreparabel geschädigt wurde“, wie man lesen konnte, wird wahrscheinlich bald vergessen sein. Dass die Art, wie er die Affäre behandelte, nur als Chuzpe bezeichnet werden könne, wie es andernorts hieß – auch dies alles ändert nichts daran, dass Wrabetz CEO von Österreichs wichtigstem elektronischem Medium bleiben wird. Er wird, so ist anzunehmen (zu fürchten?), das alles aussitzen.
Outsitting. Auch anderswo ist solches aktuell. Die Wiener ÖVP wird ihr momentanes Tief aussitzen. Auch die Bundespartei wird das „Outsitting“ zum Motto nehmen. Michael Spindelegger wird aussitzen, dass er jedenfalls den Umfragen nach hinter Werner Faymann rangiert. Dieser wieder hat ausgesessen, dass er als schwächster Bundeskanzler seit 1945 gehandelt wurde. Pardon: Da habe ich doch tatsächlich Viktor Klima vergessen. Faymann hat sich – seinen Spindoktoren sei Dank – „derappelt“, wie man in Wien sagt. Er habe, meinen viele, an Form und Niveau gewonnen.
Aber was nützt das der Regierung? Sie muss die Legislaturperiode aussitzen, von der viele glauben, dass sie nicht auslaufen wird, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. In der Tat: Ich kann mich nicht erinnern, in Österreichs jüngerer Geschichte ein Kabinett erlebt zu haben, auf das der Begriff „Fortwursteln“ so gepasst hat wie auf das derzeitige.
Outsitting. Aussitzen. Auch in der internationalen Szene ist solches aktuell. Nein, ich meine nicht nur die politische. Die Reisebranche ist mit ihren Kreuzfahrten ins Gerede gekommen. Wird das, was mit der „Costa Concordia“ passiert ist, ein ebenso tragischer wie spektakulärer Einzelfall bleiben? Oder war dies (angesichts der „Titanic“ darf ich die Metapher verwenden) nur die Spitze eines Eisbergs? Nicht nur die Costa-Reederei, sondern die ganze Passagierschifffahrt ist betroffen. Sie wird das aussitzen müssen.
Allein, ist nicht Griechenland die Wiege abendländischen Denkens gewesen? Die „Liste der Schande“ sollte internationalisiert werden – und nicht auf Steuerhinterzieher beschränkt. Es wird viel zu viel ausgesessen. Die Zahl jener, die auf eine solche Liste passen würden, ist groß. Man müsste sie nur „Liste der Unfähigen“ nennen.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2012)















