Christian Morgenstern, der Münchner Literat, den man durchaus auch als Humorist bezeichnen darf – Christian Morgenstern also hat mit seinem „Palmström“ eine Jahrhundertfigur geschaffen. „Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis, weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Nein, ich meine nicht die derzeit grassierende Korruptionshysterie, die, wenn man den Medien glauben darf, unser Land fast an die Weltspitze, jedenfalls aber in die erste Liga der EU katapultiert, Rumänien und Bulgarien eingeschlossen. Nein, es geht mir um den viel besungenen Frühling in Wien. Es wird, hoffe ich, viel Sonne geben.
Jene, die in den Schanigärten sitzen, mögen den Schatten vorziehen. Ich wage es, die Tatsache zu bemängeln, dass es in Wien mehr Schattseiten gibt, als notwendig ist. Doch halt: Da wird es ja, wie ich lese, die „Wiener Charta“ geben, jene Wunschliste der Bevölkerung, die ausgerechnet bis 1.April „Themen und Ideen für ein gutes Zusammenleben“ sammeln wird. Sie soll, wie ich in dieser Zeitung lese, „Grundregeln für ein besseres Zusammenleben in Wien“ aufstellen und schließlich „eine Art Leitbild der Stadt werden – auf Basis von Empfehlungen“. Bravo! Ich weiß was!
Ich weiß, dass die erwähnten Schanigärten, die immer mehr um sich greifen und der Stadt fast schon ein südliches Flair geben, gelegentlich zum Hindernis für die Fußgänger werden. Ich weiß auch, dass es in Wien jetzt offenbar nötig ist, einen eigenen „Schulschwänzer-Beauftragten“ zu installieren, um die offenbar immer häufiger werdende Verletzung der Schulpflicht einzudämmen.
Ich weiß schließlich, dass die Wiener SPÖ unter dem Titel „Wir sind mehr“ (no na!) eine Initiative plant, in der „Wiener mit den gleichen Interessen auf niederschwellige Art und Weise zusammengeführt werden“. Eine Art Gruppentherapie also, natürlich laut Aussage des SP-Landesparteisekretärs keine parteipolitische, wenngleich es durchaus ein „politisches Projekt“ sei. Es stehe ja gegenseitige Hilfe im Vordergrund. Und natürlich besteht keineswegs die Absicht, unter den Hilfsbedürftigen aller Schichten, von den Sportlern über Eltern und Radfahrer bis zu den Senioren und natürlich auch den Menschen mit „Migrationshintergrund“, Sympathien für das „Rote Wien“ zu schaffen, die sich dann allenfalls an der Urne auswirken könnten. I wo!
Aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen, Goethes „Faust“ zu zitieren: „Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.“ Ich möchte wissen, was die wirkliche Ursache für die Verkrüppelung des innerstädtischen Busverkehrs ist. Die Fußgängerzone wird um jenes Stück ausgeweitet, das von Hochpreisgeschäften gesäumt ist. Auch in diesem Fall der Korruptionshysterie zu unterliegen, ist mehr als abwegig. Es hat alles seine Ordnung – und überdies ist ja, wie ich höre, das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn dass der zu erwartende Fahrgastschwund der City-Busse à la longue die Begründung der völligen Einstellung sein werde, kann man zwar hören, darf es aber nicht glauben.
Womit wir wieder bei Palmström wären. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Ich weiß nicht, ob Morgenstern auch in Wien war. Ich weiß aber, dass er sich heute hier wohlfühlen würde. Als Dichter von Humoresken. Mir aber vergeht, so schwer es auch ist, gelegentlich das Lachen. Schon vor dem 1.April.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2012)















