Zwischen Ostern und Pfingsten geht der Schnee weg, heißt es. Mag sein. Es bleibt indes die Gewissheit, dass sich dazwischen auch der Heilige Geist auf sein Hochfest vorbereitet. Er hat in diesen Tagen viel zu tun – in Österreich und in der Welt. Aber bleiben wir in unserer Republik. Vor allem auch da hat er, scheint's, Arbeit zuhauf.
Michael Spindelegger hat, wie man lesen und hören konnte, seiner Partei ein Anstandsprogramm verordnet. Dass ein solches nicht nur der ÖVP wohltäte, darf außer Streit gestellt werden. Aber Anstand? Was heißt Anstand? Er ist vielfältig und facettenreich. Die Auslegungen sind mannigfach und auch seine Ausformungen. Die Grenzen zur Peinlichkeit sind fließend.
Peinlich etwa ist die Tatsache, dass es Leute gibt, die das Geblödel der „Piraten“ ernst zu nehmen versuchen. Peinlich ist die Idee, diesen politischen Schwachsinn auf Grün umfärben zu wollen, wie es offenbar Peter Pilz vorschwebt, dem eitlen Selbstdarsteller - auch ohne Diplomatenpass.
Peinlich ist allzu große Eitelkeit an und für sich. Wer da an den „ungehorsamen“ Helmut Schüller denkt, der stolz ist, weil er vom Papst zumindest wahrgenommen wurde, der geht nicht fehl. Oder wer an Toni Faber denkt, den Seitenblicke-Seelsorger. Oder an die alternde, doch blonde Ex-Soubrette, die sich im TV-„Zentrum“ (in dem Ingrid Thurnher wie gewohnt absolut parteiisch agierte) als Kurzzeitgeliebte des Pfarrers von Stützenhofen deklarierte und sich als solche auch in „News“ in Wort und Bild lächerlich machte.
Oder auch – jawohl! – an Barbara Prammer, die immer häufiger mit Vorschlägen aufhorchen lässt und die Vermutung wachruft, sie möchte dadurch ihre ohnehin schon fast gewiss scheinende Kandidatur als nächste Bundespräsidentin in Stein meißeln.
Peinlichkeit? Politischer Anstand? Die „Krone“ berichtete ausführlich in Wort und Bild, dass Heinz Fischer einen mit Zuckerguss geschmückten Riesenlebkuchen, den ihn die Musikkapelle Bad Mitterndorf am Vormittag verehrte, am selben Nachmittag der Freiwilligen Feuerwehr Mürzsteg weitergeschenkt habe. Das kann passieren. Nicht passieren dürfte eigentlich, dass in befohlenen Sparzeiten wie diesen die Regierung eine Flotte von nagelneuen BMW erhält. Aber was ist das schon, verglichen mit dem Fein- und Fingerspitzengefühl des spanischen Königs, der in Südafrika auf Elefantenjagd ging, während sein Land finanziell aus dem letzten Loch bläst. Ich weiß schon: Er hat sich nachher entschuldigt.
Wenn freilich schon von Anstand und Peinlichkeiten der Gesellschaft, der politischen zumal, die Rede ist: Wo sind die Zeiten, da man sich als Journalist für manche Medien nicht fremdschämen musste? Es ist schicker denn je, gegen die Kirche zu polemisieren. Ausgerechnet in der Osternummer des „Standard“ lautete die Headline: „Nur sechs Prozent folgen dem Papst in Glaubensfragen“. Und im „Profil“ wurde versichert: „Das Gesellschaftsmodell der katholischen Kirche hat 2000 Jahre auf dem Buckel. Jetzt ist es gescheitert.“ Die Karikatur dazu zeigte „Die neuen zehn Gebote“: „Du! sollst! keinen! bigotten! Schwachsinn! labern ! – !!, !!!, !!!!!“.
In der Tat: Es gibt zu Pfingsten viel zu tun für den Heiligen Geist. Vielleicht erinnert er Menschen, die an ihn glauben, daran, dass „die Pforten der Hölle“ die Kirche nicht überwältigen werden. Aber die Hölle, nicht wahr – das sind die Anderen. Sagte Sartre.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2012)















