Jetzt wissen wir also, dass sich auch die ÖBB in der Nazi-Zeit schuldig gemacht haben. Es hat sie zwar damals nicht gegeben, sondern es war die „Deutsche Reichsbahn“, von denen die Transporte in die Todeslager durchgeführt wurden, aber die Bundesbahn von 2012 fühlt sich noch immer ideell belastet. Deswegen wird uns derzeit im Bahnhof Praterstern gezeigt, was wir und vor allem die Nachgeborenen niemals vergessen sollen.
Niemals vergessen. So hieß auch eine Ausstellung, in die wir als Schulkinder nach Kriegsende geführt worden sind. Es war – nicht oft genug kann ich es sagen und schreiben – nach den sieben Jahren des NS-Regimes eine Zeit der Hoffnung und des Optimismus. Es war jene Zeit, da Leopold Figl zu Weihnachten 1945 „Glaubt an dieses Österreich!“ gefordert hat. Und wir alle, auch die ganz Jungen, haben ihm gefolgt. Die Menschen waren umgeben von Ruinen und doch voll des Glaubens an eine bessere Zukunft.
Heute lesen sich die Zeitungen wie eine Suizid-Fibel, und Radio wie Fernsehen weisen ununterbrochen darauf hin, dass nur eine schlechte Nachricht – nein, nicht eine gute, sondern überhaupt eine Nachricht ist. Wir suhlen uns im Negativen. Wir, die Journalisten. Und Alter, nicht wahr, schützt vor Torheit nicht.
Ich zimmere einen Schutzschirm. Ich bitte, doch gelegentlich darauf hinweisen zu dürfen, dass es uns gutgeht. Dass wir zu den reichsten Ländern der Welt gehören. Dass sogar die ominösen Ratingagenturen nicht allzu viel an uns auszusetzen haben. Aber wir nehmen den Ärzten das bei den Österreichern so beliebte Krankschreiben ab. Wir tun es selbst. Und wenn da und dort ein Hoffnungstropfen fällt, wird er sofort zu Wermut. Wir haben die Chaostheorie austrifiziert.
Gewiss, es gibt viel Negatives in diesem Land. Aber der Ton macht die Musik, und die wird von Dissonanzen beherrscht. Da hat Eva Glawischnig etwa im Zusammenhang mit der Causa Graf, immerhin Dritter Nationalratspräsident, von „Ganoventum“ gesprochen, wie ich im ORF hören konnte. Und in einem Interview mit Staatssekretär Ostermayer herrschte Andrea Maiwald ihn an: „Also Einigung – ja oder nein?“ Bruno Kreisky hat seinerzeit auf einen ähnlichen Zwischenruf im Parlament gemeint, so sei er letztmals von der Gestapo befragt worden.
Die Medien, vor allem die elektronischen, verbreiten Unbehagen. Ist dies ihre Aufgabe? Nur eine schlechte Nachricht ist eine Nachricht. Gibt es wirklich keine guten? Eine positive Meldung von den Finanzmärkten wird unverzüglich durch das Interview mit einem angeblichen Experten konterkariert, der behauptet, dass dies nicht stimme. Zudem erleben wir immer wieder die Diktatur des Einzelfalls. Die vom Asylgerichtshof genehmigte Abschiebung einer Familie wird vom eilfertigen Amnesty-International-Generalsekretär unverzüglich als Irrtum des Gerichtshofs bezeichnet – zu vernehmen im NGORF, wie ich ihn immer wieder nenne.
Ist es wirklich das Langzeitgedächtnis, das in mir immer wieder die Erinnerung an eine Zeit wachruft, da es diesem Land wirklich schlecht gegangen ist? Vielleicht ist auch hier ein „Niemals vergessen“ angebracht. Vielleicht tut es diesem Land gut, auch „aufzuarbeiten“, wie erfolgreich es nach 1945 war. Als einzige lustige Nachricht zu erfahren, dass ein Kärntner Politiker von der Wildkamera beim nächtlichen Liebesspiel gefilmt wurde, ist zu wenig.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)















