Santiago de Wien Mitte

 (Die Presse)

Man könnte rund um die Teileröffnung des Einkaufszentrums am Bahnhof Wien Mitte so wunderbare Vergleiche heranziehen.

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Wenn es nur nicht schon so abgelutscht wäre. Dann könnte man rund um die Teileröffnung des Einkaufszentrums am Bahnhof Wien Mitte so wunderbare Vergleiche heranziehen. Doch weder ist es originell, das neue Marktgebäude als Tempel zu bezeichnen, noch die hunderten bis tausenden Menschen, die in Schlangen auf Einlass warteten, mit Pilgern gleichzusetzen. Das Wunder, das zu sehen die Wallfahrer angetrieben hat, wäre in einem solchen Vergleich wohl das Macbook Air um 899 statt um 1108,24 Euro. Aber bei Apple wirken derartige religiöse Vergleiche gleich noch weniger neu. Selbst wenn der Vorgang des geduldigen Schreitens im Mittelpunkt steht, ist die Bezeichnung als Prozession nicht angebracht – vor allem, weil das Seelenheil üblicherweise nicht am Ende in einer Einkaufstasche davongetragen wird.

Bitte auch jegliche Anspielung an den heiligsten Ort der Muslime zu unterlassen – allein schon der Gedanke an die Verwendung des Begriffs Einkaufsmekka sollte die ewige Verdammnis nach sich ziehen. Sagen wir es einfach so, wie es ist: Am Donnerstag stellten sich tausende Menschen, die offensichtlich sehr viel Zeit haben, stundenlang an, um sich ein halb fertiges Einkaufszentrum anzuschauen. Amen. eko


E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2012)

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