Liebe Tochter!

Es ist Zeit: Der alljährliche Brief an Dich zum 24. Dezember.

Es ist Zeit: Der alljährliche Brief an Dich zum 24. Dezember. In der Redaktion hängt seit Jahr und Tag Deine schönste Liebeserklärung an mich, wobei ich als sehr später Vater mit derlei Bekundungen ja nicht gerade verwöhnt bin: „Danke, dass Du mein großer Bruder bist.“ Das ist immerhin etwas. Man kann sich damit durchaus zufriedengeben, wenn einem die Tochter (fast) über den Kopf wächst. Es ist nicht zu fassen: Kaum hat man die Pampers gewechselt, geht dieses „Kind“ in die Tanzschule, dreht und wendet sich vor dem Spiegel mit dem neuen Ballkleid, übt die Drehung mit Stöckelschuhen, die Ihr jetzt High Heels nennt.

Ich gestehe, dass mir der berühmte Knödel im Hals steckte, als Du mit Deinem Tanzpartner im Wohnzimmer Linkswalzer vorgeführt hast. Cool und irgendwie selbstverständlich. Das mit diesem Tanzpartner . . . also, das müssen wir noch in Ruhe bereden, wenn Du irgendwann für Minuten von Facebook abgekoppelt bist. Die Chance ist zwar nicht sehr groß. Aber vielleicht gibt sich irgendwann diese Marotte. Sicher ist eines: In zwei Jahren – komme was wolle – ist es so weit. Dann bin ICH dran, und sonst keiner: Da drehen wir zwei uns beim Opernball. Von mir aus auch links.


E-Mails an: hans-werner.scheidl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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