Von den Vögeln

Über den verschneiten Hügel beim Bahndamm sind wir wieder gestapft, weil Bübchen auf dem Weg zum Kindi über den „Geheimweg“ gehen wollte. Noch ist Winter, aber das neue Leben hockt schon wieder oben auf unserm Hausdach und zwitschert.

Sie sind wieder da und man hört das erste Tschilpen des Lebens
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Sie sind wieder da und man hört das erste Tschilpen des Lebens
Sie sind wieder da und man hört das erste Tschilpen des Lebens – Wolfgang Greber

Über den verschneiten Hügel beim Bahndamm sind wir gestern wieder gestapft, weil Bübchen auf dem Weg zum Kindi über den „Geheimweg" gehen wollte. Schneeflocken taumeln von dürren dunklen Zweigen aus dem bleiernen Frühhimmel, Schnee kriecht in die Stiefel. Stapfstapfklatschpatsch dann den Gehsteig entlang, dort, wo's taut, das Knirschen von Kies, Zaunpfähle und Mauern mit Schneehauben, Dächer mit Schneematratzen drauf, meinem Käfer, der vor unserm Wohnblock in der Gemeinde am Südrand von Wien parkt, hat der Winter einen regelrechten Iglu übergezogen, aus dem nur die verchromten Stoßstangen und der Seitenspiegel ragen.

Schneebälle fliegen – da ist das Lachen des fliehenden Buben, der sich hinter einen Baum stellt und kreischend zurückschießt. Es ist das letzte halbe Jahr im Kindergarten, dann kommt eine neue Zeit. Wieder einmal. Schnüff! Kälte streichelt scharf über die Wangen, die Welt riecht wasserklar nach Schnee, und im Kopf sitzt jetzt wieder das Kind der 1970er und denkt an die alten Zeiten, als Kipplaster den Schnee in Massen in das Bregenzer Hafenbecken geschüttet haben, um die Straßen geräumt zu kriegen, an jene Zeiten, als Schneehaufen, die einem heute bis auf Brusthöhe reichen, wie kleine Berge waren, auf die man, das Kind, geklettert ist.

Jetzt, um diese Zeit am Morgen, ist's schon deutlich heller als vor vier Wochen, und gestern also fiel's mir erstmals heuer wieder auf: das Vogelgezwitscher. Es kam von den zwei Dutzend Abluftröhren oben in der Fassade unseres Blocks auf Höhe des Daches. Aus fast jeder Röhre tschilpte ein Spatz oder rief, an die Fassade gekrallt, hinein. Bald sind dort drin wieder Nester. Bald treiben die Büsche aus. Und in wenigen Monaten ist's wieder so heiß, dass die armen Leut' schweißfleckig jammern. (wg)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2017)

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