Der Brief

Es ist schön, Nachwuchs zu „besitzen“, der die Grundfertigkeiten fürs Leben mitbekommen hat.

Magda, die Tochter, kann einwandfrei lesen, schön sprechen, halbwegs rechnen. Mehr noch, sie kann auch schreiben. Ganz nach allen Regeln der Kunst. Und kommen Sie mir bitte nicht mit dem Einwand, der logisch klingt: Ja, das darf man doch füglich von einer Studentin erwarten.

Nicht so vorschnell: Gestern stand Magda vor einer Hürde, die ihr unüberwindlich schien. Ein Brief ans Finanzamt sollte geschickt werden. Wegen der Familienbeihilfe. Darf man sich darauf verlassen, dass eine Zwanzigjährige halbwegs korrekt diese Aufgabe erledigen kann? Bei weitem nicht!

Die handschriftliche Adressierung war durchaus hübsch, was das Schriftbild anlangt, doch es war so gut wie alles verkehrt. Eine Soko bei der Post hätte sich mit dem seltsamen Kuvert beschäftigen müssen. Magda war über die Korrektur ihres Vaters nicht sonderlich erbaut. Denn es stellte sich das Unfassbare heraus: Sie hatte noch nie in ihrem jungen Leben einen echten Brief geschrieben. Ein Trost bleibt uns: Sie weiß, wie so ein Packen bedrucktes Papier heißt, der zwischen zwei dicke Pappendeckel gepresst wird. Man kann es nicht zoomen, kanns nicht verschicken, nicht einmal liken. Wenigstens das haben wir ihr beigebracht. . . (hws)

Reaktionen an:hans-werner.scheidl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2017)

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