Pizzicato

Glatt gelogen

Furchtbar, wie schnell das geht, dass man altert und aus der Zeit fällt. Dieser Tage war der 175. Geburtstag von Karl May, dem Erfinder von Old Shatterhand und Kara ben Nemsi, dem Heros meiner Jugendjahre.

Hadschi Halefs Namen konnten wir damals in der Unterstufe in voller Länge herunterspulen. So schrieb ich also an diverse Ressorts in meiner Zeitung, die ja fast genauso alt ist wie Karl May, was ich zu diesem bedeutenden Jubiläum beitragen könnte. Die Antworten waren ernüchternd: Der Leiter des „Spectrums“, gewohnt wortgewaltig: „Nix.“ Weitschweifiger der Literaturverantwortliche: „Von dem ist doch schon eine ganze Weile nichts mehr Neues erschienen.“ Der Schaitan soll die Ignoranten holen!

Dabei könnte man so viele aktuellen Bezüge zu den Titelseiten von heute herstellen: Der Mann hat sein Publikum geteilt, manche zählten sogar auf, wie oft er am Tag Lügen verbreitete und mit seinen erfundenen Geschichten die Fantasien seiner Leser anregte. Zeitungen führten regelrechte Kampagnen gegen ihn, ohne seinen riesigen Erfolg beim breiten Publikum schmälern zu können. Eine negative Presse? Keine Wirkung. Wenn das so weitergeht, hat der amerikanische Präsident seine zweite Amtszeit schon so gut wie in der Tasche. Auch bei Karl May waren schließlich die Bösewichte die faszinierendsten Charaktere. (gh)

Reaktionen an: guenther.haller@diepresse.com

 


[NCFR3]

(Print-Ausgabe, 28.02.2017)

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