Im Luxushochhaus

Früher musste ein Haus erst einmal gebaut sein, bevor sich potenzielle Wohnungswerber ihr neues Domizil anschauen konnten.

Heute geht das alles virtuell, mit dem Cursor spaziert man bis in das hinterste Besenkammerl der gerade erst am Computer entworfenen Wohnstätte. Für die Makler ist das raffiniert, für künftige Eigentümer bequem und effizient.

Mein Freund Franz X. hatte so einen Bombenauftrag: Er sollte einem betuchten Kunden aus Kirgisistan das künftige rot-grüne Leuchtturmprojekt am Wiener Heumarkt bis zur Lothringerstraße schmackhaft machen. „Und da, verehrter Herr Rachmantilla“, schwärmte er, während er die Computermaus zart streichelte, „befinden wir uns jetzt im 15. Stockwerk. Genießen Sie diese Aussicht!“ Man sah den Beethovenplatz, hinten den Heumarkt. „Der wird auch noch saniert“, beeilt sich der Makler anzumerken.

„Und was wäre da unten, direkt neben meiner Luxuswohnung“, fragt der kirgisische Oligarch per Dolmetscher. „Der Eislaufverein, bitte sehr. Ganz berühmt.“ – „Und da herrschen den ganzen Tag Lärm und Lautsprecher und Kindergeschrei?“ – „Leider ja, Herr. Es ist eben das pure Leben. Ist doch schön, oder?“

Seitdem haben wir von Franz X. nichts mehr gehört und gesehen. Kirgisische Folter soll eher unangenehm sein. (hws)

Reaktionen an: hans-werner.scheidl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2017)

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