Der Dichterfürst im Élysée

Bürde und Würde für den Bewohner des Élysée-Palasts.

Als Ersatzmonarch der Franzosen steht er in der Tradition des Sonnenkönigs – und er empfindet sich mindestens so sehr als Homme à Femmes wie als Homme de Lettres. Wie Könige umgeben sich die Präsidenten mit Hausdichtern und Hofnarren, mit Musen und Mätressen. Giscard d'Estaing und François Mitterrand verstanden sich als – allzu – großzügige Mäzene und feinsinnige Literaten. Nicolas Sarkozy und François Hollande holten sich Privatmusen in den Palast: die Chanteuse Carla Bruni und die Schauspielerin Julie Gayet.

Emmanuel Macron ist von ähnlichem Kaliber. Als Schüler bezirzte er seine Latein- und Französischlehrerin – und spätere Frau – in Theaterstücken und als Dichter. Dass es ihn in die Politik verschlug und nicht in die Philosophie oder die Kultur – Künstlerpech.

Als Sophie, eine 13-jährige Britin, ein Gedicht am Eiffelturm und im Élysée hinterließ, kehrte Macron den Dichterfürsten hervor. Er schrieb ihr ein Poem, zitierte Cocteau und Apollinaire, besang das stählerne Wahrzeichen als olympische Fackel, die den grauen Himmel über Paris erleuchtet. Ein Präsident, der Muße hat für Poesie; der nicht nur lesen und schreiben lässt: Chapeau! Immer mehr Franzosen sagen freilich nach nur einem halben Jahr Macron-Mania sarkastisch: Wäre er doch nur beim Dichten geblieben. (vier)

Reaktionen an:thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2017)

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