EU-Chefsessel ist bereit für die erste Frau

28.12.2012 | 18:52 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Christine Lagarde, die französische Chefin des Internationalen Währungsfonds, erntet allerorten Lob. Der Europäischen Kommission könnte sie den lange vermissten Glanz verleihen.

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Brüssel. Wer soll ab 2015 die Europäische Kommission führen? „Christine Lagarde“, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, sagte neulich eine für gewöhnlich sehr gut informierte Brüsseler Quelle zur „Presse“. „Die Europäische Volkspartei ist bereit, Lagarde zu nominieren, wenn sie das will.“

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Gewiss: Bis zur Europawahl im Juni 2014, die erstmals auch den Präsidenten der Kommission bestimmen wird, sind es noch eineinhalb Jahre. Doch die Zeit drängt für Europas Christdemokraten. Die Sozialdemokraten bringen seit Monaten Martin Schulz, den Präsidenten des Europaparlaments, als ihren Kandidaten für die Chefetage im 13. Stock des Berlaymont-Gebäudes in der Brüsseler Rue de la Loi 200 in Stellung.

Und auch in zwei der größten Gründungsmitglieder der Union sind die Sozialdemokraten im Aufwind. Sollten im kommenden Frühjahr Pier Luigi Bersani in Rom und im Herbst Peer Steinbrück in Berlin Wahlsiege erringen, wäre die langjährige Vormachtstellung der EVP auf europäischer Ebene ernsthaft gefährdet.

Somit ist die halbtägige Parteiklausur der EVP am 11.Jänner auf Zypern neben dem Streit um den EU-Budgetrahmen der Jahre 2014 bis 2020 vor allem den Vorbereitung der Europawahl gewidmet.

Angela Merkel, Donald Tusk, Mariano Rajoy und die anderen Spitzen der Partei werden dabei zwei wesentliche Fragen beantworten müssen: Soll die Kommission nach den eher ernüchternden Amtszeiten des Italieners Romano Prodi und des Portugiesen José Manuel Barroso wieder einen starken Charakter vom Zuschnitt eines Jacques Delors bekommen? Und welcher Kandidat vereint die Trittsicherheit auf dem internationalen Parkett der Hochfinanz und Diplomatie mit dem nötigen Fingerspitzengefühl, die Gräben innerhalb der Union der 27 zu überbrücken?

 

Retterin des Euro

Lagarde, die am 1.Jänner 57 Jahre alt wird, würde beide Bedingungen erfüllen. Die frühere Wirtschaftsanwältin hat in ihrer gerade einmal siebenjährigen politischen Laufbahn fast ausnahmslos höchstes Lob erhalten. Martin Bartenstein zum Beispiel, seinerzeit Wirtschaftsminister in der schwarz-blauen Bundesregierung, kam 2005 beim Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation WTO in Hongkong bei den täglichen Pressegesprächen kaum aus dem Schwärmen über die Führungsstärke der damaligen französischen Handelsministerin heraus. Später, als Finanzministerin, war Lagarde bei den EU-Finanzministerräten stets um Ausgleich und die Suche nach Kompromissen bemüht. Noch heute loben Sitzungsteilnehmer ihr Geschick, Gemeinsames vor Trennendes zu rücken.

Das war ab dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 schon nicht leicht; mit der Eskalation der Malaise in der Währungsunion ein Jahr später wurde es schier unmöglich. Die vorläufige Stabilisierung des Euro wäre wohl nicht geglückt, hätte es neben Jean-Claude Trichet und Mario Draghi, den entscheidungswilligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, ab Juli 2011 nicht auch eine europäische IWF-Chefin in Washington gegeben. „Ich habe eine emotionale Seite, die proeuropäisch ist“, sagte Lagarde im Mai 2011 zum „Guardian“.

 

Für Hollande akzeptabel

Und auch die Dissonanzen zwischen „alten“ und „neuen“ EU-Staaten dürfte Lagarde eher beseitigen, als es Barroso gelingt; er schielt auf den Posten als UNO-Generalsekretär und hat für die Befindlichkeiten der Osteuropäer weder Gespür noch Geduld. Lagarde dagegen befasste sich von 1995 bis 2002 im Washingtoner Center for Strategic and International Studies mit Fragen der Handels- und Rüstungspolitik Polens.

Und was vor allem für sie spricht: Sie wäre weltanschaulich für Angela Merkel ebenso akzeptabel wie kraft ihrer Staatsbürgerschaft für den sozialistischen Präsidenten François Hollande. Ein so hohes Amt für eine Landsfrau schlägt man im Élysée aus ideologischen Gründen nicht aus.

„Ich bin eine Optimistin und glaube an Europa – und daran, dass die Reise, die unsere Vorgänger begonnen haben, als sie den Euro einführten, noch nicht zu Ende ist“, sagte Lagarde dieser Tage zur „Zeit“. Ob sie neue Reiseleiterin Europas wird, dürfte sich bald zeigen.

Zur Person

Christine Lagarde (*1956, Paris) ist seit Juli 2011 Chefin des Internationalen Währungsfonds. Zuvor war die Juristin von 2007 an Frankreichs Finanzministerin. Diese Ämter bekleidete sie als erste Frau – so wie den Chefposten in der US-Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, welche die passionierte Schwimmerin 1999–2004 führte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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26 Kommentare
 
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Eigentlich wäre die Zeit reif...

...für einen homosexuellen Schwarzen!

Das brächte internationales Aufsehen!

Die Versager Europas werden zur EU abgeschoben, jetzt soll also auch Frau Lagarde dorthin!

Frau Lagarde geht mit der Theorie hausieren, dass die Deutschen mit ihrer Tüchtigkeit schuld daran sind, dass es den Südeuropäern (zu denen man auch Frankreich zählen kann) schlechter geht.

Das ist, als ob man den österreichischen Schikanonen vorwerfen würde, dass sie daran schuld sind, dass man niemals Kongolesen am Stockerl sieht!

Mit dieser skurrilen Ansicht passt Frau Lagarde bestens in den unfähigen Haufen, der heute der EU jeden Unsinn aufzwingen kann, der ihm gerade so einfällt!

Die EU wurde uns eingeredet, weil sich die europäischen Nationalstaaten in der Welt angeblich nicht genug bemerkbar machen könnten und man deshalb einen Zusammenschluss bräuchte. Heute gilt Frau Merkel als die mächtigste Frau der Welt, während man den EU-Außenkommissar nicht einmal in Europa kennt. Weiß irgend jemand eine außenpolitische Aktivität der EU, die uns genützt hat?

Statt dessen drangsaliert die EU die Europäer mit Glühlampen- und Rauchverboten. Dazu soll uns jetzt auch noch das Duschen mit genügend Wasser verboten werden und als Krönung plant die EU eine Richtlinie, nach der die Tankstellen von Jahr zu Jahr weniger Treibstoff verkaufen dürfen, damit weniger gefahren wird!

Solche Narren, zu denen sich jetzt auch Frau Lagarde gesellen soll, haben wir als Repräsentanten Europas wirklich nicht gebraucht!

christine

ein sexuell interessantes wesen

Die Frage ist ...

... ob sie auch wirklich europäisch denkt.

Hauptsache die Quote wird erfüllt.


Warum sollte das Geschlecht entscheiden

Aus meiner Sicht, sollte bei der Bestellung nicht das Geschlecht sondern die persönliche Eignung ausschlaggebend sein.

Aber wie immer, ich wäre sowieso dafür die EU, in der derzeitigen Form aufzulösen und zu einem Staatenbund umzufunktionieren. Gleiches gilt für den Euro.

Aus meiner Sicht, bringt uns dieses Bündnis, in der derzeitigen Form, nur Armut.

Frage:

„piraa“, Sie könnten mich aufklären, bitte!

Sie sagen, man sollte die EU auflösen und zu einem Staatenbund umfunktionieren.

Wie soll das gehen? Die EU ist bereits ein Staatenbund!

Weiters meinen Sie, gleiches gelte auch für den Euro.

Wie soll das gehen? Der Euro ist eine Währung! Wie kann man aus einer Währung einen Staatenbund machen?

Und dann möchte ich noch wissen, wieso bringt uns die EU nur Armut?

Re: Frage:

Sie haben vollkommen Recht mit Ihren Fragen. Meine Formulierung war vollkommen unzureichend und somit missverständlich.

Nur zum letzten Punkt - Armut - schauen Sie was sich in den EU-Ländern tut. Geht es der Bevölkerung jedes Jahr besser oder schlechter ?


Wenn überhaupt, bringt nicht die EU Armut, sondern die expansive Schuldenpolitik in den Ländern.

OK, „piraa“, nett, daß Sie überhaupt antworten. Das spricht für Sie. Andere in derselben Situation schweigen einfach.

Wenn Sie schon zugeben, daß Sie sich unzureichend ausgedrückt haben, wäre es schön, sagten Sie jetzt, was Sie denn meinten.

Nun, und was die angeblich durch die EU verursachte Armut betrifft, muß ich Ihnen widersprechen.

Es ist keine Maßnahme der EU bekannt, welche irgendwo im Bereich der EU eine Senkung des Lebensstandards ausgelöst hätte. Ihre Sicht der Dinge sollten Sie also mit ein paar Fakten belegen.

Die Wirklichkeit ist doch, nehmen Sie das Beispiel Griechenland, dort hat die expansive Schuldenpolitik der linken Regierungen, die durch die wenigen konservativen Regierungen hurtig fortgesetzt wurde, zum Zusammenbruch geführt.

Das hat nicht die EU zu verantworten. Im Gegenteil, die EU hat durch Ihre Maßnahmen einen völligen Zusammenbruch Griechenlands verhindert. Die von der EU im Gegenzug geforderten Reformen waren faktisch notwendig und können wohl nicht der EU zur Last gelegt werden, wenn sie als Voraussetzung dafür dienen, mit Hilfe von EU-Kredite das Überleben des Landes zu sichern.

Griechenland ist inzwischen von mindestens einer Ratingagentur um sechs Stufen aufgewertet worden mit der Begründung, die EU-Maßnahmen greifen.

So bitter das für die Griechen sein muß, so sehr zahlen die Griechen jetzt den Preis für ihre
bisherige Schuldenpolitik.

Man kann wohl schlecht die EU prügeln für die Tatsache, daß sie hilft!

Barroso, Schulz und Co

stehen für Chaos in der EU, einer EU die immer mehr an Ansehen unter der Bevölkerung verliert, die immer mehr als Korruptionsgemeinschaft beurteilt wird und in der die Lobbyisten mehr und mehr das Sagen haben, wenn auch indirekt. Und diese EU soll Madame Lagarde durch ihre Persönlichkeit aufpolieren? War sie es nicht, die als französische Finanznisterin äußerst dubiose Geldflüsse zu einigen Politikern abzeichnete und durchführen ließ? Also eine ganz reine Weste trägt die Dame auch nicht. Doch was soll's, diese EU ist nicht mehr zu retten, egal wer am Ruder sitzt. Sind es doch heutzutage in erster Linie die von der Politik gekauften Medien, die diese EU noch schönreden.

Schon wieder dieses dämliche "die erste Frau..."

...so als wäre das Geschlecht einer Person wesentlich wichtiger als die Kompetenz in einer Führungsposition.

Und ob eine willige Opportunistin und Karrierefrau tatsächlich die richtige Besetzung für die Zukunft Europas ist, mag zumindest bezweifelt werden.

Also ..

Ich trau prinzipiell keinem der sich seine menschlichen Emotionen ganzjährig aus dem Gesicht toastet.

Steuern zahlt die Dame auch keine obwohl sie keine Scheu hat dies von anderen zu fordern.

Die Alternative, Martin Schulz, ist ein besonders begabter Unsympathler und bekannt für einen besonders vorsichtigen Umgang mit Steuergeldern.


Frau an die EU- Spitze ist begrüßenswert

ABER ich konnte mich in den letzten Monaten dem Eindruck nicht erwehren, das Lagarde eine karrieregeile frau ist, die mehr die interessen der USA im hintergrund vertreten hat, als europas.

...ich denke, sie hat mit usa ihren amtsantritt vorgebaut (da hat ja die usa auch ein wörtchen mitzureden - natürlich nur indirekt) ;-))))

2 gründe, die gegen lagarde sprechen

für die regierenden:
lagarde könnte ihnen nicht nur die show stehlen, sondern dank ihrer persönlichkeit und stärke sie auch auf den ihnen gebührenden platz als schrebergartenkaiser zu verweisen.

für die eu-hasser:
lagarde's fähigkeit "Gemeinsames vor Trennendes zu rücken" geht gar nicht!
schließlich bevorzugen sie in berufs- und privatleben den gegenteiligen weg (und sind 'erfolgreich' als gescheiterte existenzen voll mit frust).

Der Europäischen Kommission könnte sie den lange vermissten Glanz verleihen.

Offenbar eine sehr willige Person, welche noch auf vielen Ebenen Aufträge zu erfüllen hat.

DSK ließ Widerstand in der Kausa GR-Privatisierung erwarten und tappte in die Falle - die Quotenfrau zog gestellte pravourös Aufgaben durch. :-o

„Neue Köpfe“ braucht der Kontinent, das ist der Clou. Andererseits ist aber auch bewiesen, dass "die Kommission" bisher mit Stümpern besetzt war. Der Zustand Europas, wie er sich zur Zeit darstellt, ist deren Ergebnis!

Jeder Stoss ein Franzos

Franzosen waren und sind der Untergang Europas.
So wird der Untergang dieser EU eben beschleunigt. Goldman Sachs wird die Reste schon einsammeln.

Belebter Sessel

und bescheuert, wenn der sich auf den Hintern der Lagarde "freut".

Aber für geistlose EU-Propaganda ist kein Sprachbild zu übel!

Ist

es Rotschild oder Goldmann Sachs, die noch mehr von unserem Geld wollen? Also Lady leg los.

Konstruktionsfehler beheben

Wer der Kommission vorsitzt, halte ich für die falsche Frage. In der derzeitigen Konstruktion ist die Gewaltentrennung nicht gegeben: Der Kommission kommt ein Initiativrecht zu, obwohl sie nicht vom Souverän legitimiert wurde.
Vielfalch wurde dies bereits diskutiert, doch offensichtlich noch mit zu wenig Nachdruck artikuliert.
Für Frau Lagarde finden sich sicher intressante Positionen - auch fernab von einem zentral verwalteten "Europäischen Bundesstaat".

Re: Konstruktionsfehler beheben

"Der Kommission kommt ein Initiativrecht zu, obwohl sie nicht vom Souverän legitimiert wurde."

???

unsere regierung, so wie die kommission ebenfalls nicht vom souverän direkt legitiert sorgt via regierunsvorlagen für nahezu JEDES gesetz!
zusätzlich kontrolliert sie den nationalrat. von einer kontrolle der kommission über eu-parlament und ministerrat ist mir nichts bekannt.

wenn sie mangelnde gewaltenteilung kritisieren wollen, dann kritisieren sie doch die heimischen zustände! die eu ist im vergleich dazu vorbildlich.

Ganz toll

Und wieder so eine Quotenfrau, die nichts besser kann, als fremdes Geld zu verprassen.

Danke, kein Bedarf.

Re: Ganz toll

aber vielleicht besser als die nicht-quotenmaenner die auch nix zsammbringen

Oje - schon wieder so ein Zwangsweib was uns vom Reg.ime vorgesetzt wird


Nein, danke.

Wie ist denn übrigens der Prozess ausgegangen?

Re: Nein, danke.

Gute Frage. Auf die Schnelle finde ich nur Nachrichten vom 4. Aug. 2011, daß ein Ermittlungsverfahren der frz. Justiz wegen Amtsmissbrauchs eingeleitet wurde.

Seit dem scheint sich nichts mehr getan zu haben.

Re: Re: Ermittlungsverfahren der frz. Justiz wegen Amtsmissbrauchs ...

wird niedergeschlagen; Gesamteuropas Anwälte arbeiten hart daran, §§ zu biegen!

 
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