Der steile Aufstieg eines Widerspenstigen

01.02.2013 | 18:25 |  MARKKU DATLER (Die Presse)

Colin Kaepernick, 25, schlug Baseball-Stipendien und einen Vertrag bei den Chicago Cubs aus. Am Sonntag erfüllt sich für den Football-Quarterback der San Francisco 49ers im Super Bowl ein Kindheitstraum.

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New orleans/Wien. Kinder wollen Astronaut, Arzt oder Feuerwehrmann werden. Viele träumen von einer Sportkarriere, und auch Colin Kaepernick, ein schmächtiger Junge aus Milwaukee, Wisconsin, hat seine eigene Lebensplanung.

Er liebte Basketball und hatte auch als Baseballer einen unfassbar scharfen Wurf. Universitäten lockten ihn mit Stipendien, doch er lehnte immer ab. Seine Adoptiveltern beknieten ihn, eines dieser lukrativen Angebote anzunehmen. Ausbildung ist in Amerika teuer, ihm würden alle Türen offen stehen, selbst ohne Sportkarriere. Doch Colin Kaepernick, damals fünfzehn Jahre alt und in der High-School ein gefeierter Baseballer, dessen Würfe mit 148 km/h gemessen wurden, sagte Nein. „Ich will Footballer werden.“

 

Auf den Spuren von Joe Montana

Heute kann die Familie Kaepernick über Colins kindliche Sturheit lachen. Ihr Adoptivkind hat seinen Traum verwirklicht. 2011 wurde er von den San Francisco 49ers engagiert, saß eineinhalb Saisonen auf der Bank und lernte das Spiel mitsamt allen Wurftechniken. Keiner, nicht einmal seine Coaches, trauten es dem 104 Kilogramm schweren, 1,98 Meter großen Spieler zu, sich gegen die tatsächlichen Kraftpakete der National Football League durchzusetzen. Kaepernick war nur der Ersatzmann.

Als sich Stamm-Quarterback Alex Smith verletzte, bekam der Sturkopf im September 2012 aber seine Chance, und die nützte er. Der 25-Jährige führte die 49ers in seiner ersten vollen Profisaison in nur zehn Spielen in den Super Bowl. Am Sonntag trifft sein Team in New Orleans auf die Baltimore Ravens und nur noch wenige Würfe trennen den ehemaligen Baseball-Jungstar vom größten Triumph im US-Sport.

Als die 49ers ihr Hoch erlebten und Spieler wie Joe Montana, Jerry Rice oder Steve Young Geschichte schrieben mit fünf Super-Bowl-Siegen (1981, 1984, 1988, 1989, 1994), spielte Kaepernick noch im Garten hinter dem Haus. Seit 1994 stand der Verein auch nicht mehr im Endspiel, er war damals sieben Jahre alt. Jetzt geben ihm die Legenden von einst gute Tipps – es ist aber getrost davon auszugehen, dass der Sturkopf seinen eigenen Weg gehen wird.

 

Den Baseball-Vertrag abgelehnt

„Against all Odds“, also gegen jede Chance oder Wette, lautet sein Lebensmotto und damit er es auch in den schwersten Stunden nicht vergisst, ließ sich Kaepernick den Spruch auf die Brust tätowieren. Das Mischlingskind hat verarbeitet, dass ihn seine leibliche Mutter nach nur vier Lebenstagen zur Adoption freigegeben hat. Er hat Kritiker eines Besseren belehrt und sich selbst bestätigt. Denn als er 2009 das Angebot der Chicago Cubs ausgeschlagen, auf die Baseball-Karriere und sicheren Wohlstand verzichtet hatte, wurde er von Familie und Freunden für „verrückt“ erklärt. Kein anderer, vernünftig denkender Mensch hätte auch nur eine Sekunde gezögert, den millionenschweren Profivertrag in der Major League zu unterschreiben...

Kaepernick schon, er wollte seinen Traum verwirklichen und darum wird er in Amerika jetzt auch so angehimmelt. Er verkörpert den „American Dream“, auch seine Eltern Teresa und Rick sind längst zufrieden. Er hat das College mit dem Bachelor in Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen.

 

Wer seinen Bizeps küsst

„Ich versuche, klaren Kopf zu behalten, und ich arbeite“, sagt Kaepernick, dem weder der Rummel um seine Person noch das Tamtam des Super Bowl noch die gut gemeinten Ratschläge der Sportlegenden Eindruck zu machen scheinen. Jetzt gewinne er den Super Bowl, sein Kindheitstraum wird Wirklichkeit. Er sagt: „Football ist mein Leben.“ Darum ließ er sich, vorsichtshalber, seinen Jubel – er küsst nach Touchdowns seinen Bizeps – als Trademark unter dem Titel „Kaepernicking“ schützen.

Doch es wäre verwunderlich, würden erfolgreiche Menschen nicht von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Seitdem feststeht, dass Colin Kaepernick im Super Bowl spielen wird, versucht seine leibliche Mutter Kontakt mit ihm aufzunehmen. Der Quarterback lehnt ein Treffen ab. Er habe eine Familie und Menschen um sich, die immer an ihn geglaubt haben.

Zur Person

Colin Rand Kaepernick wurde am 3. November 1987 in Milwaukee, Wisconsin, geboren. Der Quarterback spielt bei den San Francisco 49ers in der National Football League, der Klub trifft am Sonntag (23.15 Uhr, Puls 4) im Super Bowl auf die Baltimore Ravens.

Auf der University of Nevadalernte er das Football-Spiel, lehnte 2009 einen Baseball-Vertrag bei den Chicago Cubs ab und wurde 2011 von den 49ers engagiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

 
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