Irak-Krieg: Dick Cheney hat ein reines Gewissen

Niemand war vor zehn Jahren so entscheidend für Amerikas Angriff auf den Irak wie George W. Bushs Vizepräsident. Das Fehlen der Kriegsgründe ficht ihn nicht an.

Schließen
Dick Cheney – (c) AP (Ron Edmonds)

Washington. Die Architekten des Irak-Kriegs reagieren rückblickend auf dreierlei Weise: beschämt wie der damalige Außenminister Colin Powell, orakelhaft wie der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – oder gänzlich unbekümmert wie Dick Cheney, der damalige Vizepräsident von George W. Bush. Der aktivste und wirksamste Befürworter der Invasion vom 19.März 2003 stand neulich in einem Dokumentarfilm des TV-Senders Showtime seelenruhig zu seiner folgenschweren Politik.

Während Powell seine berüchtigte Vorstellung z.T. frei erfundener „Beweise“ für irakische Massenvernichtungswaffen vor dem UN-Sicherheitsrat als „schwarzen Fleck meiner Karriere“ bezeichnet und Rumsfeld zumindest zwischen den Zeilen Bedauern darüber ausdrückt, dass die US-Regierung so viel Gewicht auf die Existenz der irakischen Massenvernichtungswaffen gelegt hat, sieht Cheney auch heute kein Problem im Fehlen der vorgeblichen Kriegsgründe: „Wir haben keine Waffenbestände entdeckt. Aber wir haben festgestellt, dass Saddam Hussein die Fähigkeit dazu hatte, und wir glaubten, dass er die Absicht hatte“, solche Arsenale anzulegen.

Der Film legt zutage, wie sehr die Kriegsplanung der neokonservativen Falken um Cheney und den damaligen Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz von den Anschlägen auf New York und Washington am 11.September 2001 geprägt war. Es ging für sie nicht darum, fassbare, messbare Ziele zu erreichen – die dauerhafte Befreiung der Iraker etwa –, sondern Bedrohungen abzuwenden: egal, ob sie real sind oder nicht. „Wissen Sie, das ist eine jener Situationen, in denen es weniger darauf ankommt, was Sie erreichen, als vielmehr, was Sie verhindert haben.“

 

Atombombe im Köfferchen

In seinem Bestreben, den Irak anzugreifen, log Cheney auch einen seiner engsten Freunde an. Er erzählte dem damaligen Mehrheitsführer der Republikaner im Kongress, Dick Armey, dass die ihm vorliegenden Berichte der Geheimdienste noch viel schlimmer seien als das, was er öffentlich erzählen könne. Saddam Hussein sei drauf und dran, eine Kofferatombombe zu entwickeln, die er bereitwillig an al-Qaida-Terroristen weitergeben würde. Nichts davon stimmte, doch Cheney erreichte sein Ziel: Armey gab seinen Widerstand gegen den Krieg auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2013)

Lesen Sie mehr zum Thema
Kommentar zu Artikel:

Irak-Krieg: Dick Cheney hat ein reines Gewissen

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen