Portrait des Tages: Hans-Werner Sinn

08.05.2011 | 18:39 |   (Die Presse)

Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, ist Deutschlands renommiertester Wirtschaftsforscher und Idol aller Neoliberalen.

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Der Backenbart irritiert. Er macht seinen Träger zur Karikatur des deutschen Studienrats und zum Spießbürger. Doch mit der Beschreibung würde man Hans-Werner Sinn unrecht tun. Der 63-Jährige, der jetzt wieder mit seinen Aussagen zu Griechenland für Aufregung sorgt, ist alles andere als ein engstirniger, geistig unbeweglicher Wirtschaftsforscher.

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Als er 2003 seinen Bestseller „Ist Deutschland noch zu retten?“ veröffentlicht, wird er zum Idol aller Neoliberalen. In dem Buch plädiert er gegen einen Mindestlohn, für längere Arbeitszeiten, für weniger Macht der Gewerkschaften und fordert die Schaffung eines Niedriglohnsektors, um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen. Gerade, als man den Präsidenten des Ifo-Instituts punziert hatte, wetterte er gegen den „Kasino-Kapitalismus“: Er kritisierte 2009, dass Verluste sozialisiert werden und bemängelte, Manager seien die Marionetten der Aktionäre. Nur der Sozialstaat könne Deutschland retten.

Mit seinen pointierten Aussagen macht sich der Wissenschaftler zum Liebling der Medien, übertrieb es aber, als er meinte, 1929 habe man die Juden zu den Schuldigen der Krise gemacht, „heute sind es die Manager“. Später entschuldigte er sich für den Vergleich.

Sinn ist verheiratet, hat drei Söhne und zu seinen vielen Ehrentiteln gehört auch der eines Honorarprofessors der Uni Wien. rie

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2011)

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4 Kommentare
Gast: GeierSturzflug
09.05.2011 19:48
3

Hans Werner Sinn

hat den Mut unbequeme Wahrheiten auszusprechen. In diesem Sinne zähle ich ihn zur Alten Garde (Helmut Schmidt, Sarazin, Genscher, Klaus von Dohnanyi), die Deutschland und Europa vor den Utopisten retten möchten. Aufrechte Männer, die auch vor Fürsten nicht buckeln. Und schon gar nicht statt Hirn einen Verlautbarungs- und Mainstreamsprecher eingebaut haben. Übrigens wußten Sie, dass um den 10.10.2008 die Bankomatleitungen bereits kurz gekappt waren, damit der Bankenrun nicht ausufert?! Schon mal davon gehört?

Habe ich etwas überlesen?

Hans-Werner Sinns Buch über den "Kasino-Kapitalismus" habe ich zwar aufmerksam gelesen, aber "nur der Sozialstaat könne Deutschland retten" habe ich daraus nicht entnommen!
Er zeigt doch auf, dass Bill Clintons Programm "jedem Amerikaner sein Haus" eine sozialstaatliche Anwandlung war, die die US-Immobilienkrise ausgelöst hat. Er schildert auch, wie die unter staatlichem Einfluss stehenden Banken Fannie.mae und Freddie.mac die dadurch entstandenen wertlosen Schuldverschreibungen durch bis zu 42-malige Verdünnung von guten Papieren in undurchschaubaren Bündeln versteckt haben, bis gute Schuldner nur mehr homöopathisch darin enthalten waren. Diese Bündel wurden dann staatsgläubigen europäischen Banken angehängt!
Eigentlich ist dieses Buch ein Plädoyer gegen den vom Staat erzeugten "Kasino-Kapitalismus" und keineswegs eine Empfehlung für den Sozialstaat!

Antworten Gast: lessismore
09.05.2011 11:32
1

Re: Habe ich etwas überlesen?

"Jedem Amerikaner" (Arbeiter) sein Haus, das ist nicht Bill Clinton, sondern "Rerum novarum", und es war Ronald Reagan, der Hypothekenzinsen steuerabzugsfähig gemacht hat, und George Bush nannte den Immobiliensektor die "growth machine" ... Aber SO genau nimmt man es dann doch nicht, so wie man auch Herrn Sinn NIE mit seinen Warnungen vor der Finanzmarktliberalisierung zitiert hat ...

Also, was wird hier gespielt?

Re: Re: Habe ich etwas überlesen?

H-W S. nennt im Buch "Kasino Kapitalismus" als einen Grund für die Immobilienblase in den USA die mangelnde Durchgriffshaftung. Ein zahlungsunfähiger Schuldner braucht nur die Hausschlüssel abzugeben, sein sonstiges Einkommen oder Vermögen wird nicht angegriffen!
Der "zweite Grund war schlicht, dass die Banken Kredite vergeben mussten . . . Das Programm wurde 1977 unter Präsident Jimmy Carter eingeführt . . .Das Gesetz gewann mit einer Novelle, die Präsident Bill Clinton . . anschob und die 1995 in Kraft trat, erheblich an Schlagkraft und setzte die Banken unter Druck, auch Kunden mit geringer Bonität Kredite zu geben. . . der von Clinton gegen den Rat von Ökonomen veranlassten Gesetzesnovelle . ." (S. 150/151).
Von Ronald Reagan ist keine Rede!
"Rerum novarum" kommt nicht aus den USA, sondern von Papst Leo XIII.

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