Norwegens beinharte, aber faire Richterin

18.04.2012 | 18:02 |   (Die Presse)

Wenche Elizabeth Arntzen leitet den wohl schwierigsten Prozess der norwegischen Nachkriegsgeschichte.

Drucken Versenden
 
A A A
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Ihre Freundlichkeit darf nicht zu falschen Schlüssen führen: Ohne je die Stimme zu heben, per Du selbst mit dem Angeklagten, sitzt Wenche Elizabeth Arntzen auf der Richterbank in Saal 250 im „Tingsrett“ von Oslo. Doch sie kann beinhart durchgreifen, wenn sie es für nötig hält. Perücken oder andere Insignien richterlicher Würde gibt es nicht in Norwegens Justiz, doch die 52-Jährige braucht solche Attribute nicht, um Autorität auszustrahlen. Sie ist es, die als Gerichtsvorsitzende den größten Strafprozess über die Bühne bringen muss, den Norwegen seit der Abrechnung mit den Kollaborateuren nach der Besetzung durch Hitlerdeutschland erlebt hat.

Die ersten Prozesstage deuten an, dass diese Aufgabe bei ihr in guten Händen ist. Sie bremst den Angeklagten Anders Breivik, wenn dessen Ausführungen ausufern, aber gibt ihm die Zeit, sich zu erklären. Sie zögerte nicht, einen Schöffen seines Amts zu entheben, weil dieser sich durch einen Facebook-Kommentar unmöglich gemacht hatte. Doch meist hört sie aufmerksam zu. Dass der Prozess die schwierigste Herausforderung ihrer Karriere ist, lässt sie sich nicht anmerken. Sie ist auch nicht die Erste in ihrer Familie, die vor einer solchen Aufgabe steht. Ihr Großvater war der Ankläger im Prozess gegen den Nazi-Führer Vidkun Quisling, der 1945 als Landesverräter hingerichtet wurde.

Dass Breivik nicht nur die Legitimität der norwegischen Justiz generell ablehnt, sondern auch konkret die ihre in Zweifel zieht, weil sie eine gute Freundin der Schwester von Ex-Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland ist, die ganz oben auf dessen Todesliste stand, nahm sie mit einem nachsichtigen Lächeln „zur Kenntnis“. Von ihren Kollegen wird Arntzen als „fachlich sehr tüchtig, routiniert und erfahren“ beschrieben. gam

Mehr zum Thema:

 
Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

3 Kommentare
Gast: Blankenstein Husar
19.04.2012 12:18
0

schwierigster Prozess der norwegischen Nachkriegsgeschichte??

Wohl kaum!

Kein anderer Fall liegt klarer auf dem Tisch!

Die einzige Frage, die sich stellt ist die, ob er als geistig abnormer Spinner in eine geschlossene eingewiesen wird oder als Mörder seine 21 Jahre absitzen darf.

Die Pressefritzen verwechseln wieder einmal etwas:

Nämlich spektakulär mit schwierig.

El Barato
18.04.2012 19:17
1

Kleiner Hinweis am Rande:

In Norwegen sind prinzipiell alle Menschen per Du.

Einzige Ausnahme: der König wird gesiezt.

Antworten Schwarzstrumpf
24.08.2012 20:05
0

Re: Kleiner Hinweis am Rande:

Genau, sie haben die Höflichkeitsform abgeschafft. Keine Ahnung warum. Ich finde, es klingt fürchterlich wenn alle sich duzen. (Ich kenne die Sprache von früher - als alle dortigen "noch höflich" waren.)
Hoffentlich geschieht das nicht mit Deutsch auch eines Tages.

Top-News

  • Kerns große Soloshow am Ballhausplatz
    Als Gastgeber der Wiener Flüchtlingskonferenz inszenierte sich der Kanzler am Samstag als EU-Krisenmanager. Kein Bundespräsident und kein Außenminister störten seinen Auftritt.
    Gibt es Alternativen zur EU-Mitgliedschaft?
    Analyse. Großbritannien sucht nach dem Brexit eine lose Anbindung an die EU, die mehr Souveränität verspricht. Das Problem ist nur, dass die Gemeinschaft den Kontinent längst so stark dominiert, dass niemand an ihr vorbeikommt.
    Stögers Dauerproblem Mindestsicherung
    Wenn der Bezug des Sozialgeldes zum Dauerzustand wird: Die Verschärfung der Lage in Wien durch Asylberechtigte bringt den Sozialminister unter Druck.
    Der Angstgegner aus Amerika
    Große und kleine Händler fürchten die digitale Dominanz von Amazon. Aber sie könnten Glück haben. Wie es aussieht, kommen auch Onlineriesen nicht ohne lokale Partner aus.
    Nostri Bambini statt Alt-Wien
    Die Alt-Wien-Kindergärten gibt es nicht mehr. Drei frühere Mitarbeiterinnen haben nun den Standort in der Lederergasse 20 übernommen und eröffnen bald den Kindergarten Nostri Bambini.
    Niki Fellner: "Es muss nicht in ›ZiB 2‹-Qualität sein"
    Nach zehn Jahren "Österreich" machen die Fellners ab Montag auch Fernsehen: Niki Fellner im Interview über oe24.TV, sein Desinteresse an ATV, das Erbe von Wolfgang Fellner - und über Facebook, das für ihn besser kontrolliert gehört.
AnmeldenAnmelden