Spätestens seit Ostern gehört die Frage „Wohin fahrt ihr im Sommer?“ zum Standardrepertoire einer Alltagskonversation. Im Mai und Juni verbreitet sich aufgrund der zahlreichen Feier- und der damit verbundenen „Fenstertage“ bereits Urlaubsstimmung. Auch die Bäder haben schon geöffnet, die Schrebergärten und Wochenendhäuser sind bereits bezogen.
Die Kaffeehäuser samt der unüberschaubaren Zahl an Schanigärten sind auch an Arbeitstagen überfüllt – und dies nicht mit Touristen. Es wird zunehmend schwieriger, Personen in ihrem Büro oder Amt zu erreichen. Ab 12 Uhr erhält man die Antwort: „Ist auf Mittagspause.“ Ab 14 Uhr heißt es: „Ist bei Außenterminen und kommt heute leider nicht mehr.“
Aus den USA kommend, fällt einem dieses jährlich wiederkehrende Ritual besonders auf. In den USA ruft die bei einem Small Talk geäußerte Frage, wohin es denn in diesem Sommer gehe, ein Schmunzeln hervor: „Eure Wirtschaft und das Finanzsystem stehen in Flammen – und Ihr Europäer denkt immer nur an Urlaub.“
Tatsächlich gibt es in den USA für Arbeitnehmer grundsätzlich weder einen gesetzlichen Anspruch auf Urlaub noch auf Arbeitsfreiheit an Feiertagen. Im Durchschnitt aller Arbeitsverhältnisse in den USA erhalten Arbeitnehmer zwölf Tage Urlaub und an acht Feiertagen pro Jahr frei.
Laut einer Studie der Harvard Universität nehmen jedoch sage und schreibe 25 Prozent der Arbeitnehmer in den USA überhaupt keinen Urlaub und arbeiten auch an den Feiertagen. Im privaten Sektor gehen die Menschen in den USA im Durchschnitt neun Tage auf Urlaub und nehmen sich an sechs Feiertagen frei.
In Österreich ist die Zahl der Urlaubs- und Feiertage bekanntlich wesentlich höher. Aber hierzulande wird ja die weitere Maximierung des Einsatzes dieser Urlaubstage samt anderer Abwesenheiten vom Arbeitsplatz wie Krankenstände, Kuraufenthalte, Arztbesuche usw. als eigene Wissenschaft betrieben und Profis auf diesem Gebiet genießen höchstes Ansehen. Das Verhalten der US-Bürger kann daher in Österreich nur auf ebenso großes Unverständnis stoßen wie jenes der Europäer in den USA.
Überraschend ist dann jedoch das vor wenigen Tagen publizierte Ranking „Europas bester Arbeitgeber“. Dieses wird durch Befragung der Mitarbeiter erstellt und gilt als Barometer für die Stimmung, die Arbeitsplatzkultur und für allfällige Probleme in Unternehmen. Das Ergebnis: Als beste Arbeitgeber gelten vor allem die multinationalen Konzerne. Sechs der in den Top Ten Gereihten sind US-Unternehmen – sie sind ganz sicher kein Hort maximaler Urlaube und Freizeit. Im gesamten Ranking aller Unternehmen fand sich nur ein einziges österreichisches Unternehmen.
Offensichtlich ist also eine hohe Zahl an Urlaubs- und Feiertagen kein Garant für höhere Arbeitszufriedenheit und ruft umgekehrt ein intensiver Arbeitseinsatz nicht unbedingt Frustration hervor. Dennoch gelten in Österreich aber weiterhin ausgedehnte Urlaube und Freizeit, das Berechnen des Datums des Pensionsantritts bei Berufseintritt als Zeichen für hohe Lebensqualität und einzige Chance auf Zufriedenheit.
So verabschieden wir uns auch dieses Jahr, von den Krisen scheinbar weitgehend unbeeindruckt, in den Sommer. Die Amerikaner werden uns nie verstehen – und wir sie auch nicht.
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Zum Autor:
Mag. Martin
Engelberg ist Psychoanalytiker, Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen
Akademie,
geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group sowie Mitherausgeber des jüdischen Magazins „NU“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)















