Adventzeit und Chanukka-Fest: Im Zeichen der Magie des Lichtes

MARTIN ENGELBERG (Die Presse)

Die positive Wirkung der Lichttherapie zur Behandlung gerade der saisonal bedingten Depression – auch Winterdepression genannt – ist inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen.

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Es ist Adventzeit, und es ist die Zeit des jüdischen Chanukka-Festes, bei denen jeweils die Magie des Lichtes einen zentralen Faktor bildet. Und das seit vielen Jahrhunderten, ja Jahrtausenden – lange vor der Entdeckung der Lichttherapie.

Das Entzünden der Lichter auf dem Chanukka-Leuchter hat zwei wichtige Bedeutungen im Judentum: Erstens ist es eine Erinnerung an den wundersam erfolgreichen Aufstand der Makkabäer gegen die Griechen. Nachdem aber ein gewonnener Krieg mit Toten auf beiden Seiten nicht gefeiert werden soll, wird mit den Lichtern des zweiten Wunders gedacht: Bei der Wiedereinweihung des Tempels war für das Entzünden des Ewigen Lichtes nur Öl für einen Tag vorhanden. Es brannte jedoch acht Tage, bis neues Öl hergestellt werden konnte.

Zumindest ebenso wichtig ist zu Chanukka jedoch die Bedeutung des Lichtes an sich. Das Chanukka-Licht darf nämlich nicht benutzt werden, also zur Beleuchtung eines Raumes oder zum Lesen. Vielmehr ist es geboten, 30 Minuten in das Licht zu blicken und innezuhalten. Interessante Parallele: Die positive Wirkung der Lichttherapie zur Behandlung insbesondere der saisonal bedingten Depression, auch Winterdepression genannt, ist inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen und wird im Rahmen psychiatrischer Behandlungen angewandt. Dabei schauen die Patienten täglich für 20 bis 60 Minuten in eine helle Lichtquelle.

In einer für talmudisches Denken besonders charakteristischen Diskussion wurde folgende Frage diskutiert: Während des achttägigen Chanukka-Festes fällt zumindest ein Abend auch mit dem Sabbat-Eingang zusammen, bei dem ebenfalls Kerzen angezündet werden. Welches Licht ist aber nun wichtiger, wenn jemand sich nur eine Kerze leisten kann?

Die seitenlange Diskussion führt zu folgendem überraschenden Ergebnis: Es ist das Sabbat-Licht, welches leuchten soll. Würde nämlich die Kerze für Chanukka entzündet, dann müsste die Familie im Dunkeln den Sabbat begehen, da ja das Chanukka-Licht nicht benutzt werden darf – eine wahrlich traurige und dem Hausfrieden abträgliche Atmosphäre. In dieser Auslegung drückt sich ganz stark die Zuwendung des Judentums zum Leben, zur Familie und zum Frieden – zu Hause und in der Welt – aus.

Die mystische Lehre der Kabbala vergleicht einen der Sprüche des Königs Salomon im Buch Kohelet – „es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – mit dem Licht der Chanukka-Kerzen: Benützen wir das Licht, um die Dinge in der Welt zu betrachten, gelangen wir zu keiner neuen Erkenntnis. Blicken wir in das Licht der Kerzen und halten für 30 Minuten inne, erschließt sich uns eine neue Welt.

Auch in der christlichen Tradition nimmt das Licht, insbesondere in der Advent- und Weihnachtszeit, eine zentrale Bedeutung ein. Licht, aber nicht so sehr im Übermaß an Weihnachtsbeleuchtungen, die vor allem zur Intensivierung des Einkaufsrausches in den Wochen vor Weihnachten dienen sollen. Vielmehr Licht im Sinne der Besinnung und Einkehr, der Suche nach einem inneren und äußeren Frieden.

Tatsächlich sind es gerade große Familienfeste wie Weihnachten und Chanukka, an denen sich oft lang aufgestaute Konflikte entladen. Möge die altertümliche und zugleich so zeitgemäße Lichttherapie dieses Jahr ihre Wirkung verbreiten.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2012)

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