25.05.2012 20:46 | Meine Presse Merkliste 0

Die Österreicher verhalten sich ganz ruhig – trotzdem: Alarm!

MARIN ENGELBERG (Die Presse)

Die Spitzen von SPÖ und ÖVP leisten sich eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen – und machen weiter, weil die Wähler ja ohnehin nicht dramatisch reagieren. Eine gefährliche Fehleinschätzung!

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Zwei Ereignisse der vergangenen Wochen stechen heraus: Da ruft Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von der ÖVP – mitten im politischen Tauziehen, da sich die Volkspartei als jene Partei positionieren will, die neue und höhere Steuern verhindert – einer ÖAAB-Versammlung zu: „Her mit den Millionen, her mit dem Zaster, her mit der Marie!“. Man traut seinen Ohren nicht.

Was ist das für eine Sprache? Wie kann eine maßgebliche VP-Politikerin dermaßen ihren Parteichef und ihre Parteilinie desavouieren? Es schien nur eine Frage von Stunden, bis diese Ministerin ihren Schreibtisch würde räumen müssen. Und? Nichts! Mikl-Leitner ist weiter im Amt. Gut, denkt man sich, das wird den ÖVP-Mitgliedern endgültig zu weit gehen. Wenn schon keine Protestversammlungen oder offenen Briefe, zumindest eine Austrittswelle aus der ÖVP wird es geben. Nein, es herrscht Friedhofsstille.

Da darf die SPÖ in nichts nachstehen: Niko Pelinka orchestrierte vor einem Jahr im ORF-Stiftungsrat für die SPÖ die Wiederbestellung von Alexander Wrabetz als ORF-Generaldirektor. Damals auftauchende Gerüchte, Pelinka würde als Dank dafür einen Posten im ORF erhalten und auch den Einfluss der SPÖ im ORF sicherstellen, wurden als „völlig haltlos“ zurückgewiesen.

Das Wort hält dann ganze vier Monate. Einen Tag vor Weihnachten erhält Pelinka plötzlich seinen Job, er soll Büroleiter von Wrabetz werden; eine Ausschreibung der Position erfolgt erst nach der Nominierung. ORF-intern gehen die Wogen hoch – aber in der Bevölkerung? Keine Demonstrationen, keine Unterschriftenaktionen, kein Boykott der Zahlung der ORF-Gebühren: Es herrscht Friedhofsstille.

Es stimmt natürlich: Letztlich geht es den Österreichern wunderbar, von Krise ist weit und breit nichts zu spüren, die Arbeitslosenrate ist die niedrigste Europas – wen kümmert da, wenn die Parteien weiter im und mit dem ORF Monopoly spielen, oder eine Ministerin im Wirtshaustisch-Jargon gegen die eigene Parteilinie wettert? Vielleicht haben SPÖ und ÖVP recht. Wenn es niemanden kümmert – warum nicht weitertun wie bisher. Ist sich doch eh immer alles ausgegangen.

Aber ist die Ruhe vielleicht trügerisch? Man erinnert sich an Ungarn 2006. Damals hatte der sozialdemokratische Premier Ferenc Gyurcsány offen eingestanden, im Wahlkampf systematisch gelogen zu haben – so nach dem Motto: Bis zu den nächsten Wahlen haben das die Wähler längst vergessen. Nur, das haben sie nicht.

Vier Jahre später errangen Viktor Orbán und seine national-konservative Fidesz-Partei bei der Parlamentswahl eine satte Zweidrittelmehrheit. Folge: Die davor mächtigen Sozialdemokraten und Liberalen sind pulverisiert, es kommt zu einer Verfassungsänderung, einer Einschränkung der Pressefreiheit, Eingriffen in die Unabhängigkeit der Notenbank und des Verfassungsgerichtshofes.

Die Nationalratswahl in Österreich kommt rascher als erwartet. Im Herbst 2013 wird gewählt. Trotz aller Ruhe sollten nach aktuellsten Umfragen bei SPÖ und ÖVP die Alarmglocken schrillen. Eine SPÖ/ÖVP-Koalition würde derzeit nur mehr knapp eine Mehrheit der Mandate erringen – Tendenz weiter fallend. Eine Koalition zweier Parteien wäre dann nur noch mit der FPÖ möglich. Kanzler oder Vizekanzler Strache lässt grüßen. Derzeit ist Ungarn noch das Schmuddelkind Europas. Aber: Ungarn, wir lassen euch nicht im Stich!


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Zum Autor:

Mag. Martin
Engelberg ist Psychoanalytiker, Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen
Akademie,
geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group sowie Mitherausgeber des jüdischen Magazins „NU“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2012)

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14 Kommentare

die Ruhe

vor dem Sturm

Gast: Luzifer
11.01.2012 20:55
1 0

Ad Falaffel

" es geht ausschließlich um das geld, das sich private auf die hohe kante legen und dadurch in hohem ausmaß dem spekulationskreislauf zuführen, der nachweislich die wirtschaft schädigt."

Wer sagt, daß jeder Unternehmer seinen Gewinn für windige Finanztransaktionen verwendet? Wenn sich die Investition lohnt, wird er das Geld in seinen Betrieb reinvestieren! Die meisten österr. Unternehmen sind leider unterkapitalisiert, dh. bei einer Kreditklemme bekommen sie nicht genügend Kapital, um zu investieren! Die "Finanzjongleure" sind in erster Linie Fonds od. Kapitalgesellschaften, die sich durch "Leerkäufe", Wetten etc. gegen Kursverluste von Rohstoffen absichern wollen od. die Erträge durch Spekulationen radikal verbessern wollen, darunter waren auch Pensionsfonds und sogar die Körperschaften des öffentl. Rechtes (BAWAG-ÖGB, ÖBB, AUA, Stadt Linz etc.)!

Sie sehen, alles ein bißchen komplizierter als Sie glauben!


Gast: Free
11.01.2012 18:38
1 0

Kanzler Strache und nicht Vizekanzler....


0 9

wovon phantasieren sie da, herr engelberg?

"Derzeit ist Ungarn noch das Schmuddelkind Europas. Aber: Ungarn, wir lassen euch nicht im Stich!"

wollen sie damit andeuten, dass ö eine ähnliche entwicklung nimmt wie ungarn?

1. ungarn wird in den kommenden eineinhalb jahren bis zur NR-wahl ein derart abschreckendes beispiel für uns sein, sodass eine wahl des orban-zwillings strache dadurch ganz sicher nicht gefördert wird.

2. um eine absolute mehrheit zu erringen, benötigte die fpö zumindest 45% der stimmen. lassen sie uns gemeinsam über diese vorstellung herzhaft lachen!

3. um in einer koalition zu landen, benötigt die fpö einen partner: wird es eine partei geben, die eine koalition mit einer partei der unfähigen eingehen würde? ist jemand in dieser republik derart gewissenlos? diese partei würde einen irre hohen preis dafür bezahlen!

4. wer sagt eigentlich, dass die fpö bei einer nr-wahl gut abschneiden würde? ihr derzeitiger stimmanteil ist resultat der medienberichterstattung, wo für andere parteien gilt: only bad news are good news. und wo für die fpö gilt: verlieren wir kein wort über deren stumpfsinn und unzulänglichkeit.

5. ihre beoabachtung der stammtisch-wertigkeiten in allen ehren. aber statistisch relevant sind wutbürger nicht.

Wunsch und Wirklichkeit

Können Sie sich vorstellen, dass Sie bei der "Ausarbeitung" der angeführten Punkte Ihre Wünsche mit de Wirklichkeit verwechselt haben. Der Österreicher überlässt die Äußerungen zu Fragen gerne den vielen Funktionären in Parteien und Sozialpartnerschaft. Die Österreicherin und der Österreicher vermeidet in einer internalisierten Neutralitätshaltung um keinen Vorteil zu verlieren oder gar einen Nachteil in Kauf nehmen zu müssen. Vielmehr ballt man bei uns die Faust bis zur Revanche in der Wahlzelle.

Re: wovon phantasieren sie da, herr engelberg?

Vieles richtig.
Aber bei Pkt. 3 fällt uns doch wohl allen jemand ein, oder?

koberre
10.01.2012 10:26
3 0

Vergessen

Ich kann mich an eine TV-Runde mit den Klubchefs der Parlamentsparteien erinnern, die nach der "Strasser-Affäre" stattgefunden hat. In dieser Diskussion ging es vorrangig um die vielzitierte Transparenz von Parteifinanzen, Inseratenvergabe und Lobbyismus.

Insbesondere Cap hat damals von Sauerei und schonungsloser Offenlegung und was weiß ich von nicht noch allem ganz aufgeregt gesprochen und eine Behandlung der Angelegenheit im Parlament innerhalb kürzester Zeit gesprochen. Und alle Kollegen haben das unterstützt, nur Kopf war etwas reserviert aus verständlichen Gründen.

Und was ist jetzt? Alles vergessen, verschoben, verschleppt. Man hat ja eh einen U-Ausschuss und was weiß ich für Ausreden.

Sollte jemand von einer Partei mein Posting lesen:
Ich habe es nicht vergessen, was versprochen wurde. Und noch was: mich kotzt diese ganze österreichische Parteiwirtschaft dermaßen an, dass es in wiedergabefähigen Worten nicht mehr auszudrücken ist. Reformiert endlich dieses verdammte Parteiengesetz und beschließt verflucht noch einmal endlich eine Offenlegung aller Parteieinnahmen und die Inseratenvergabe aus öffentlichen Mitteln! Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass es in Österreich eine der höchsten staatlichen Parteienförderung auf der ganzen Welt gibt. Ihr seid für uns da! Nicht nur für euch selbst!


0 11

Re: Vergessen

sie verwenden dauernd "IHR".

leider dürften sie das prinzip der demokratie nicht verstanden haben: nur wer selbst mitarbeitet, also statt "ihr" ein "wir" verwenden kann, hat anrecht auf mitbestimmung!

das abgeben einer stimme alle heiligen zeiten ist KEINE mitarbeit. und sie hat in der realität auch keine relevanz sondern wird mehr als aufgewogen durch wahlpropaganda.

wenn ihnen etwas nicht passt, dann engagieren sie sich!
wutbürger, die sich am stammtisch oder in leserbriefen erregen, sind zu ignorierende kasperln! this is democracy...

Antworten Antworten koberre
10.01.2012 20:33
3 0

das prinzip ...

... der demokratie besteht nicht darin, alles selbst machen zu müssen oder zu wollen, sondern dass durch gewählte vertreter des volkes die staatsangelegenheiten zum wohle aller erfüllt werden.

0 7

Re: das prinzip ...



sie missverstehen und missbrauchen (wie viel zu viele andere auch) die demokratie!

demokratie ist KEIN supermarkt, wo man durch die regale schlendert und sich das eine oder andere aussucht.
in der demokratie hat der 'käufer' die verpflichtung, sich auch am einräumen der regale zu beteiligen!

aber schon ok, bleibt ruhig zu hause auf dem fetten ar*** hocken, sudert in leserbriefen und am stammtisch herum und fühlt euch als wertvolle mitglieder der demokratie....
ernstnehmen wird euch niemand und völlig zurecht wird auch euer einfluss gegen null tendieren!

Antworten Antworten Antworten Antworten koberre
13.01.2012 08:05
0 0

Re: Re: das prinzip ...

Wenn ich mir Ihre Stellungnahmen durchlese, dann kann ich nur wünschen und hoffen, dass sie in keinem einzigen öffentlichen oder politischen amt auch nur das allergeringste zu tun haben.

0 1

Re: Re: Re: das prinzip ...

ich habe bereits ein (sehr kleines) politisches amt ausgeübt.

ich werde es nicht mehr tun, weil ich nicht mehr aktiv werden will für österreicher, wie sie eben so sind.

obwohl: das schlimmste habe ich dabei eh nicht erlebt, denn es waren in dieser kleinen gemeinde so gut wie keine presse-poster wohnhaft... DAS wäre wohl die hölle auf erden: repräsentant dieser obergscheiten sudernden faulsäcke zu sein!

Gast: luzifer
10.01.2012 00:00
6 0

Vernutlich wird die ÖVP bald wieder dort angelangt sein,

wo Schüssel war, als er im Jahre 2000 zwar seinen Verhandlungpartner Viktor Klima, nicht aber den ÖGB zu ernsthaften Reformen und Schuldenabbau zu überreden konnte. Die blau-schwarze Koalition war die logische Konsequenz.

In einer Zeit des Wirtschaftsrückganges neue Steuern einführen zu wollen, ist eine wahnwitzige Idee. So motiviert man keine Unternehmer zu den nötigen Investitionen. Daß unter den Sozis die Verwaltung nicht verschlankt wird, zeigen die Schulpläne: Die Ex-Pleite-Bankerin Claudia Schmied ist gerade dabei, ohne jede wirtschaftliche Überlegung die Zahl der Lehrer in jeder Klasse zu verdoppeln od. sogar zu verdreifachen, und zwar so, als würden mehr Lehrer die ständig sinkende Durchschnittsintelligen der Schüler heben (Vgl. Sarazin: Deutschland schafft sich aber)!

Wenn die Regierung und die Parteien wirklich auf eine Verschlankung der Verwaltung aus wäre, könnte sie einfach die Ergebnisse des Verfassungskonvents mit dem Fiedler-Entwurf schleunigst umsetzen und würde für die Sanierung unserer Finanzen nicht so viel wertvolle Zeit verstreichen lassen. Es ist höchst Zeit, daß das Wählervolk das endlich einsieht!

0 6

Re: Vernutlich wird die ÖVP bald wieder dort angelangt sein,

"In einer Zeit des Wirtschaftsrückganges neue Steuern einführen zu wollen, ist eine wahnwitzige Idee."

der wirtschaftsrückgang ist eine direkte folge der sparanstrengungen vor allem in den piigs- aber auch in anderen eu-staaten.
das SPAREN führt zu einem rückgang, nicht steuern.

"So motiviert man keine Unternehmer zu den nötigen Investitionen."
1. kein einziger steuervorschlag bezieht sich auf unternehmenssteuern! es geht ausschließlich um das geld, das sich private auf die hohe kante legen und dadurch in hohem ausmaß dem spekulationskreislauf zuführen, der nachweislich die wirtschaft schädigt.

2. erst vor 3 tagen im kurier gelesen: die köst (also die klassische unternehmenssteuer) beträgt zwar nominell 25 %, doch tatsächlich fallen im durchschnitt nur 17% an... ö ist eines der unternehmenssteuer-paradiese in europa!

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