Es ist schon immer wieder ergreifend: Delegationen aus circa 50 Ländern mit geschätzten 10.000 Teilnehmern marschierten auch vorgestern wieder unter den Flaggen ihrer Länder, Regionen und Städte durch das Haupttor des ehemaligen KZs Mauthausen. Angeführt zumeist von den Botschaftern des jeweiligen Landes, einige begleitet von kleinen militärischen Abordnungen, welche dem Zeremoniell der Kranzniederlegung zusätzliche Bedeutsamkeit verliehen. Noch immer fallen einander ehemalige Häftlinge in die Arme, fließen Tränen. Die Zuschauer sind zweifellos alle ge- und berührt.
Das offizielle Österreich zeigt sich von seiner besten Seite. Anwesend sind der Bundespräsident, der Bundeskanzler, die Präsidentin des Nationalrats, vier Mitglieder der Bundesregierung sowie zahlreiche weitere Politiker und Würdenträger. Sie harren geduldig und würdevoll viele Stunden aus, begrüßen, winken, schütteln Hände. Die Vorbeimarschierenden andererseits sind sichtlich beeindruckt von den versammelten Honoratioren, zeigen mit den Fingern auf sie, machen Fotos.
Nur wenige Minuten nach der Feier holt einen jedoch die Realität wieder ein. Diese große Zeremonie hat im sonntäglichen Österreich einen gefühlten Wert von maximal 0,01 auf der 100-teiligen Emotionsskala ausgelöst. Die Medien berichten pflichtbewusst und mit Fotos von dem Ereignis – auch das ist Teil des Rituals. Erreicht, gar berührt, hat die Menschen „draußen“ dieser Staatsakt sicher nicht.
Eine Diskussion auf der Rückfahrt zeigte bereits das erste große Problem auf. Ganz spontan fielen uns nicht weniger als sieben Daten ein, die es jährlich im Zusammenhang mit der Nazi-Zeit, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust zu begehen gilt: Der 27.Jänner – der von der UNO und der EU beschlossene internationale Holocaust-Gedenktag, der 12./13.März – der Jahrestag des Anschlusses Österreichs an Hitler-Deutschland, der 5.Mai – der Tag der Befreiung des KZs Mauthausen, der 8.Mai – die Kapitulation Nazi-Deutschlands und damit das Kriegsende in Europa, der 15.Mai – der Tag der Unterzeichnung des Staatsvertrags, der 26.Oktober – der Nationalfeiertag, welcher ursprünglich als jener Tag bezeichnet wurde, an dem der letzte Besatzungssoldat Österreich verlassen hatte, der aber schon bald als Jahrestag der Erklärung der immerwährenden Neutralität bezeichnet wurde und schließlich noch der 9.November – der Jahrestag der Reichspogromnacht.
Sogar in der jüdischen Gemeinde zeigen sich Ermüdungserscheinungen. Trotz zahlreicher Aufrufe zog die Feier am Heldenplatz am 8.Mai nur einige Dutzend Gemeindemitglieder an, keine zehn marschierten vorgestern in Mauthausen im Rahmen der Delegation Israels mit.
Im Jahr 1988 verzeichnete die Österreichische Hochschülerschaft mit 124 Veranstaltungen zum 50.Jahrestag des Anschlusses über 60.000 Besucher. 1993 zogen im Rahmen des „Lichtermeers“ zwischen 200.000 und 300.000 Menschen durch die Wiener Innenstadt und versammelten sich am Heldenplatz, um mit dieser Demonstration den jubelnden Empfang Hitlers in den Schatten zu stellen. Offensichtlich wurden mit diesen Veranstaltungen viele Menschen erreicht, auch bewegt. Aufgabe der Republik und der Zivilgesellschaft muss es sein, über tradierte Rituale hinauszugehen und zu einer Neudefinition und Neugestaltung der Gedenkdaten zu gelangen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2012)















