Es gibt ein Paradoxon bei einigen sozialdemokratischen Politikern: Man kann mit ihnen über die schwierigsten Themen dieser Welt sprechen – mit intellektueller Schärfe, Gelassenheit und höchster politischer und emotionaler Integrität. Sie sind die bewährtesten Antifaschisten, Kämpfer gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit – ohne Furcht und Tadel. Die jüdische Gemeinschaft kann sich keine verlässlicheren und kämpferischeren Partner im Kampf gegen Antisemiten und Neonazis wünschen.
Allerdings nur, bis das „I“-Wort fällt: Israel. Dann gehen die Sicherungen durch, verschwindet der Sachverstand von einer Minute zur anderen. Das jüngste Interview mit Norbert Darabos in der „Presse am Sonntag“ ist ein Lehrstück dafür. Zuerst beantwortet der Verteidigungsminister die Fragen zur US-Raketenabwehr in Europa und Irans Atomprogramm durchaus kritisch, aber ausgesprochen sachlich.
Dann stellt der Redakteur die nächste Frage, eigentlich ohne direkten Bezug zu den vorhergehenden: Sie haben offenbar ein Problem mit der israelischen Regierung? Die Antwort von Darabos war nicht einfach: Wieso – wie kommen Sie darauf? Oder: Ganz im Gegenteil. Mich verbinden sehr viele Sympathien mit diesem Staat und den dort lebenden Menschen.
Darabos hätte auch antworten können: Wissen Sie, in Ungarn, einem Nachbarland Österreichs, spielen sich derzeit Dinge ab, die mir viel größere Sorgen bereiten. Dort wird Jagd auf Intellektuelle und Minderheiten gemacht, es wird offene antisemitische Hetze betrieben. Damit wird von den gewaltigen inneren wirtschaftlichen und sozialen Problemen abgelenkt. Ein Herr Orbán ist für mich als Regierungschef Ungarns unerträglich.
Ich konzediere Norbert Darabos, dass ihm solche Antworten von seiner Haltung her sogar durchaus entsprechen würden. Aber wieso gibt er sie dann nicht? Es war eben die „I“-Frage– und diese löst diese charakteristische Reaktion aus. Es ist eine schier körperliche, zutiefst emotionale Abwehrreaktion gegenüber Israel, die da zum Vorschein tritt.
Soweit beobachtbar, findet die dahingehende Sozialisierung bereits in Jugend- und Vorfeldorganisationen der Sozialdemokratie statt. Anstatt Israel zu besuchen und sich durchaus kritisch mit den Problemen dieses Landes auseinanderzusetzen, werden bei Lagerfeuern Grußadressen an das palästinensische Volk verlesen; das Tragen der „Keffiahs“ sind schickes Ritual. Da kann die Hamas noch so oft Homosexuelle oder „Kollaborateure mit Israel“ mit Autoreifen um den Hals abfackeln, Darabos wird sich immer nur an den bösen Israeli erinnern.
Wenig hilfreich ist es dann natürlich auch, wenn Darabos daraufhin von jüdischen Organisationen aus der Ferne und, ohne ihn persönlich zu kennen, schlicht als Antisemit diffamiert wird oder die Kultusgemeinde postuliert, Darabos hätte Probleme mit „lebenden Juden“, um damit sofort einen Konnex zur Shoah herzustellen.
Rein staatspolitisch ist die Affäre bereinigt: Die österreichische Bundesregierung hat sofort reagiert und sich klar von den Aussagen Darabos' distanziert, die israelische Regierung hat das zur Kenntnis genommen. Übrig bleibt (wieder einmal) ein Scherbenhaufen in Österreich, ein Unverständnis, ein gegenseitiges Sich-missverstanden-Fühlen zwischen der Sozialdemokratie und der jüdischen Gemeinschaft in Österreich.
Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com
Zum Autor:
Mag. Martin
Engelberg ist Psychoanalytiker, Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen
Akademie,
geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group sowie Mitherausgeber des jüdischen Magazins „NU“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2012)















