20.06.2013 08:25 Merkliste 0

Durchgebrannte Sicherungen: Die Sozialdemokraten und das „I-Wort“

MARTIN ENGELBERG (Die Presse)

Auf der Suche nach einer Antwort, wieso Verteidigungsminister Norbert Darabos – ohne Not – über einen israelischen Ministerkollegen und die Politik Israels herzieht.

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Es gibt ein Paradoxon bei einigen sozialdemokratischen Politikern: Man kann mit ihnen über die schwierigsten Themen dieser Welt sprechen – mit intellektueller Schärfe, Gelassenheit und höchster politischer und emotionaler Integrität. Sie sind die bewährtesten Antifaschisten, Kämpfer gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit – ohne Furcht und Tadel. Die jüdische Gemeinschaft kann sich keine verlässlicheren und kämpferischeren Partner im Kampf gegen Antisemiten und Neonazis wünschen.

Allerdings nur, bis das „I“-Wort fällt: Israel. Dann gehen die Sicherungen durch, verschwindet der Sachverstand von einer Minute zur anderen. Das jüngste Interview mit Norbert Darabos in der „Presse am Sonntag“ ist ein Lehrstück dafür. Zuerst beantwortet der Verteidigungsminister die Fragen zur US-Raketenabwehr in Europa und Irans Atomprogramm durchaus kritisch, aber ausgesprochen sachlich.

Dann stellt der Redakteur die nächste Frage, eigentlich ohne direkten Bezug zu den vorhergehenden: Sie haben offenbar ein Problem mit der israelischen Regierung? Die Antwort von Darabos war nicht einfach: Wieso – wie kommen Sie darauf? Oder: Ganz im Gegenteil. Mich verbinden sehr viele Sympathien mit diesem Staat und den dort lebenden Menschen.

Darabos hätte auch antworten können: Wissen Sie, in Ungarn, einem Nachbarland Österreichs, spielen sich derzeit Dinge ab, die mir viel größere Sorgen bereiten. Dort wird Jagd auf Intellektuelle und Minderheiten gemacht, es wird offene antisemitische Hetze betrieben. Damit wird von den gewaltigen inneren wirtschaftlichen und sozialen Problemen abgelenkt. Ein Herr Orbán ist für mich als Regierungschef Ungarns unerträglich.

Ich konzediere Norbert Darabos, dass ihm solche Antworten von seiner Haltung her sogar durchaus entsprechen würden. Aber wieso gibt er sie dann nicht? Es war eben die „I“-Frage– und diese löst diese charakteristische Reaktion aus. Es ist eine schier körperliche, zutiefst emotionale Abwehrreaktion gegenüber Israel, die da zum Vorschein tritt.

Soweit beobachtbar, findet die dahingehende Sozialisierung bereits in Jugend- und Vorfeldorganisationen der Sozialdemokratie statt. Anstatt Israel zu besuchen und sich durchaus kritisch mit den Problemen dieses Landes auseinanderzusetzen, werden bei Lagerfeuern Grußadressen an das palästinensische Volk verlesen; das Tragen der „Keffiahs“ sind schickes Ritual. Da kann die Hamas noch so oft Homosexuelle oder „Kollaborateure mit Israel“ mit Autoreifen um den Hals abfackeln, Darabos wird sich immer nur an den bösen Israeli erinnern.

Wenig hilfreich ist es dann natürlich auch, wenn Darabos daraufhin von jüdischen Organisationen aus der Ferne und, ohne ihn persönlich zu kennen, schlicht als Antisemit diffamiert wird oder die Kultusgemeinde postuliert, Darabos hätte Probleme mit „lebenden Juden“, um damit sofort einen Konnex zur Shoah herzustellen.

Rein staatspolitisch ist die Affäre bereinigt: Die österreichische Bundesregierung hat sofort reagiert und sich klar von den Aussagen Darabos' distanziert, die israelische Regierung hat das zur Kenntnis genommen. Übrig bleibt (wieder einmal) ein Scherbenhaufen in Österreich, ein Unverständnis, ein gegenseitiges Sich-missverstanden-Fühlen zwischen der Sozialdemokratie und der jüdischen Gemeinschaft in Österreich.


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Zum Autor:

Mag. Martin
Engelberg ist Psychoanalytiker, Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen
Akademie,
geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group sowie Mitherausgeber des jüdischen Magazins „NU“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2012)

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15 Kommentare

Also, mal ehrlich, schon der Anfang ist riesen Mist: "an kann mit ihnen über die schwierigsten Themen dieser Welt sprechen – mit intellektueller Schärfe, Gelassenheit und höchster politischer und emotionaler Integrität"

Wie soll ich dann den Rest einschätzen????? ;-)

Dass das "I-Wort"

bei allen Sozialdemokraten einen Pawlowschen Reflex auslöst und sie sofort zu sabbern und geifern beginnen, ist eine maßlose Übertreibung, auch wenn tatsächlich viele von ihnen, wie Engelberg zu Recht bemerkt, den Palästinensern kritiklos auch höchst zweifelhafte Aktionen gegen Israel durchgehen lassen.

Nicht nur Darabos findet Lieberman unerträglich; diese Meinung teilen doch fast alle hierzulande, und selbst in Israel ist er ja nicht unumstritten.

Nach allem, was man von Lieberman aus den Medien weiß, ist er rassistisch, faschistisch und hochgradig aggressiv. Nicht umsonst wurde aus dem ehemaligen moldawischen Türsteher der Mann fürs Grobe in Israel.

Ahjamdinedjad ist allerdings auch um keinen Deut besser. Beide sind durch ihren Verbalradikalismus hochgradig gefährliche Zündler, denen man besser heute als morgen das Handwerk legen sollte.

Leider gibt es in Israel keine Politiker mehr vom Format eines Jitzhak Rabin.

8 2

Wie bitte?

Herr Engelberg was bitte hat Ungarn mit den Spannungen im Nahen Osten zu tun?

"ein gegenseitiges Sich-missverstanden-Fühlen zwischen der Sozialdemokratie und der jüdischen Gemeinschaft in Österreich."

sag bloß, die jüdische gemeinschaft in ö fühlt sich innig verbunden mit liebermann?

wie wäre es in solchem fall mit einer umbenennung in 'dämlich-rassistische gemeinschaft'?

engelberg und die meisten anderen in der jüdischen diaspora

haben ebenfalls ein problem mit dem I-wort!

eure bedingungslose solidarität mit jedem schmarrn, mit jedem verbrechen, das der staat israel begeht, ist ein mitgrund, warum das überhaupt geschieht!

ps.: hr. engelberg, leicht gaga? warum sollte darabos auf eine israel-frage mit einer ungarn-antwort kommen? wenn SIE sich um ehrlichkeit mit derart tiefen methoden drücken, dann ist das ihre sache. aber bitte empfehlen sie ihre methodik nicht politikern. die können solchen schaas zusätzlich nicht auch noch gebrauchen!

Antworten Gast: iwort
04.06.2012 22:51
0 0

Re: engelberg und die meisten anderen in der jüdischen diaspora

Sie scheinen auch auf das 'I-Wort' anzusprechen...

Gast: Niederösterreicher
29.05.2012 00:18
6 1

Herrscht unter den Menschen dieser Welt wirklich Gleichheit?

Zunächst ein Fall aus "unserem Europa": Menschenrechte, Solidarität und Partnerschaft werden uns in der EU zur Pflicht gemacht. Gleichzeitig gibt es in unserer Nachbarschaft Staaten, die am Ende eines schrecklichen Krieges ihre deutschsprachigen Mitbürger nicht mehr im Land haben wollten. Obwohl uns jetzt in der EU das "Liebesgebot" für die Partnervölker trifft, weigern sich die Staaten, diese Bürger wieder zurückzunehmen. Die einzige Erklärung: aus der "Kollektiv-Schuld-Fiktion" wurde mittlerweile Rassenhaß!

Israel hat dem Vernehmen nach rd. 2 Mill. Araber aus dem Land vertrieben und weigert sich, diese Menschen wieder zurückzunehmen. Meine Frage: ist das in Ordnung?

Re: Herrscht unter den Menschen dieser Welt wirklich Gleichheit?

In zehn Jahren werden es drei Millionen sein. Das Übertreiben zeichnet die Ideologen aus.

Antworten Antworten Gast: Luzifer
31.05.2012 10:28
0 0

Re: Re: Herrscht unter den Menschen dieser Welt wirklich Gleichheit?

In 10 Jahren werden es tatsächlich3 Millionen sein. Denn die Palästinenser haben viele Kinder ...

Jedermann weiß, daß der Großteil der Vertriebenen nach wie vor in Lagern lebt -
denn die arabischen Aufnahmeländer fühlen sich für das Problem, das Israel geschaffen hat, nicht zuständig.

Tatsächlich kann es doch nicht so sein, daß ein Staat die ursprünglichen Bewohner wegen ihrer andersgearteten kulturellen Identität od. Sprachzugehörigkeit vertreibt und ihnen zumindestens die Rückkehr verweigert und andere Staaten sollen dann "die Zeche zahlen", dh. die Flüchtlinge trotz eigener knappen Ressourcen versorgen ...

Da sollte man schon nach dem "Verursacher-Prinzip" vorgehen.

Übrigens: Israel hat einen Arbeitskräftemangel, den es durch Zuwanderer aus Asien etc. deck

Also warum nicht gleich die Palis zurücknehmen? Oder spielt da etwa "Rassenhaß" eine Rolle?.

Re: Re: Re: Herrscht unter den Menschen dieser Welt wirklich Gleichheit?

Konservative Schätzungen gehen von etwa 500.000 Geflüchteten aus, etwas freiere von 700.000.
Wenn Sie daher von zwei Millionen fabulieren, gehen Sie von der UNRWA aus, die den Flüchtlingsstatus vererbbar gemacht hat.
Kein Wunder, dass sich viele andere über diesen Sonderstatus aufregen und die UNRWA auflösen und in die UNHCR zu integrieren.
Es ist bedauerlich, dass die arabischen Nachbarstaaten diese Flüchtlinge fast überhaupt nicht integrierten, so wie es in Deutschland und Österreich mit den Sudetendeutschen geschehen ist.
Ob das mit Rassenhaß etwas zu tun hat? Das weiß ich nicht, fragen Sie am Besten bei den arabischen Botschaften nach.

Ansichten

Soll das jetzt heißen, dass Herr Mag. Engelberg die Ansichten Herrn Liebermans vollinhaltlich teilt?

das wäre

zuviel reininterpretiert - sie wollen wohl nicht den fehler machen, auf die absurden interpretationen eines psychoanalytikers über darabos' motivation auf dieselbe weise zu antworten?!

Re: das wäre

"absurd" - weil?

rein spekulativ

es ist rein spekulativ und immer noch die sache von interviewten zu entscheiden, wie sie fragen beantworten. nicht die anderer personen, von denen sicher niemand zu 100% das gleiche sagen würde.
absurd sind auch vorstellungen, darabos würde da eine gefinkelte strategie für die spö fahren von wegen "bei muslimischen wählern fischen".
eher bringt er auf den punkt, wie man auch beim bundesheer die lage im nahen osten sieht - allerdings würden sich die meisten politiker um klare worte drücken und damit die bewertungen schon wieder halb entwerten.

Re: Re: das wäre

Meines Wissens nach bezog sich das Darabos´sche "unerträglich" nicht auf das Aussehen oder die Umgangsformen Herrn Liebermans, sondern auf dessen Ansichten, bei diversen Gelegenheiten pointiert geäußert. Davon finde ich nichts im Gastkommentar, die Frage nach der Meinung der Autors in der Sache (ist denn Herr Lieberman unerträglich oder nicht, wenn, nein, warum nicht?) bleibt daher offen.

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